Ist das noch Günther Beckstein, der bayerische Ministerpräsident? Der stolze Regent des Freistaats, der Erbe Strauß’, der Nachfolger Stoibers? Oder ist es bereits eine Wachsfigur, die da im Scheinwerferlicht schmilzt – entflohen aus dem Kabinett der Madame Tussaud, aus der Abteilung "Verlierer des Jahrhunderts"?

Es ist Sonntagabend um Viertel vor sieben, als Günther Beckstein auf der kleinen Bühne des Münchner Landtags steht und spricht: "Ich stehe für eine Koalitionsregierung zur Verfügung." Ein einfacher Satz, entschlossen sollte er klingen. Und doch beschreibt er eine Ungeheuerlichkeit. Eine Koalitionsregierung! In Bayern! Nichts wird nach diesen Worten mehr sein, wie es war. Becksteins Satz, so schlicht er klingt, begräbt unter sich fast ein halbes Jahrhundert CSU.

Ist das noch Erwin Huber, der CSU-Vorsitzende? Der Kämpfer, der sich aus kleinen Verhältnissen hochgearbeitet hat und nun nicht weichen will? Oder spricht da bereits ein Konkursverwalter, der die Pleite der Firma nur noch ordnet, bevor er die Schlüssel an einen Nachfolger übergibt? Am Tag nach dem Debakel leitet Huber in München die Sitzung des Parteivorstands. An einen Rücktritt ist nicht gedacht, seinen nicht und Becksteins nicht, jedenfalls nicht an diesem Montag.

Und ist das noch Edmund Stoiber? Seit einem Jahr steht er unter besonderer Beobachtung seiner Parteifreunde wie der Medien, seit einem Jahr wird immer wieder gefragt, ob er sich nicht wieder einmischen wolle in die große Politik. Seit einem Jahr sagt er, seine größte Freude sei, "zu spüren, dass ich selber loslassen kann". Und wie schön es sei, dass er sich daheim bei Karin an den Weihnachtsvorbereitungen beteiligen konnte, "was ich bisher überhaupt nicht so gemacht habe". Ganz glauben mochten das weder Freund noch Feind, manch hoffnungsfrohes Auge – und manch misstrauisches – blieb auf ihn gerichtet.

Jetzt, da ihn seine Partei gebraucht hätte wie zu keinem Zeitpunkt in den letzten 12 Monaten, steht er nicht bereit. Wer, wenn nicht der Ehrenvorsitzende, hätte während der quälend langen Sitzung am Tag nach der Katastrophe die Wahrheit aussprechen können, vor der sich alle anderen Mitglieder des Parteivorstandes gedrückt hatten: Erwin, Günther, so geht es nicht weiter. "Das ist für mich der bitterste Moment gewesen in meinem politischen Leben", sagte Stoiber vor dem Konferenzsaal, doch drinnen wird er Opfer seiner alten Schwäche, der Zauderei. Der blonde Löwe brüllt nicht, als es darauf ankommt, er maunzt nur. Die Krise, die 2005 mit Stoibers Kneifen vor Berlin begann, findet auch heute kein Ende. Eine persönliche Konsequenz immerhin hat der Vormittag im Franz-Josef-Strauß-Haus: Stoiber, der Rentner unter Vorbehalt, hat sich selbst aufs Altenteil befördert, endgültig.

Für die verbliebene Führung, vor allem aber für die Christlich Soziale Union, dieses 63-jährige Wunderwerk an Widersprüchen, hat nun die neue Zeit begonnen. Und vieles spricht dafür, dass sie ganz unbayerisch wird – ungemütlich nämlich.

Fast mit Ehrfurcht hat die Partei ihre Niederlage zunächst aufgenommen, ebenso wie den Versuch der Parteispitze, trotz allen Durcheinanders ein möglichst geordnetes Verfahren zu wahren. Denn die Heckenschützen standen ja längst bereit: Wäre die CSU bei 48 oder 49 Prozent gelandet, hätten sie noch am Wahlabend angefangen zu schießen. Doch die 43 Prozent haben auch die hartnäckigsten Kritiker erschreckt. Merkwürdig, aber: Das Ausmaß der Niederlage hat die CSU zunächst gefestigt. Nur, lange wird dieser kalte Frieden nicht halten.