Mit Hugo Chávez hat er bis morgens um drei diskutiert. Fidel Castro hat ihm in einer Nacht von seiner Furcht vor einem amerikanischen Attentat erzählt. Er kennt den bolivianischen Präsidenten, Evo Morales, und Rafael Correa, den Präsidenten Ecuadors, so gut, dass sie ihn um Analysen bitten. Sie alle berufen sich auf seine Theorie des Sozialismus des 21. Jahrhunderts. Der deutsche Soziologe Heinz Dieterich ist der Chefideologe der linken südamerikanischen Bewegungen. In Lateinamerika ist er ein Star, ein Held der "bolivarianischen Revolution". In seiner Heimat Deutschland kennen ihn nur wenige.

Heinz Dieterich kommt zu spät zum "Fest der Linken" in der Berliner Kulturbrauerei, auf der Bühne singt eine Band: "Hartz IV macht arm und krank. Der Dreck muss weg. Nananana". Dieterich ist 65, trägt Jeans und gleich soll er auf dem Podium über Che Guevara sprechen, darüber, wie "Ches Traum" weiterlebt. In den nächsten Tagen in Berlin wird Dieterich viele linke deutsche Politiker treffen. Er wird reden, werben und warnen – in gewisser Weise ist Heinz Dieterich ein Lobbyist, ein reisender Lobbyist der linken Bewegungen Südamerikas.

Im Saal der Kulturbrauerei ist es dunkel, Deutschlands Linke ist hier zum größten Teil grauhaarig. Dieterich beginnt seinen Vortrag mit dem Satz, dass die Mehrheit niemals so sein könne wie Che, so außergewöhnlich. Er sagt, der wahre Sozialismus sei weder in der DDR noch in der Sowjetunion je verwirklicht worden. Weil sich beide Staaten auf Lohnarbeit stützten. In seiner Theorie des Sozialismus des 21. Jahrhunderts soll sie durch die "Äquivalenzökonomie" ersetzt werden, ein Konzept, bei dem Preise durch Arbeitszeitwerte angegeben werden. Alles wird daran gemessen, wie viel Arbeitszeit ein Mensch einbringt. Das würde bedeuten, dass ein Bankdirektor für 40 Stunden Arbeit genauso viel bekommt wie eine Putzfrau. "Damit würde das Profitmotiv wegfallen", sagt Dieterich. Außerdem soll es in seinem Modell "reale demokratische Teilnahme" geben, zum Beispiel würden die Bürger über das Haushaltsbudget entscheiden.

Mit Joschka Fischer kämpfte er im Frankfurter Häuserkampf

In der Kulturbrauerei ist der Zeitpunkt für Dieterichs Folie gekommen, in den nächsten Tagen wird er sie immer dann hervorholen, wenn er zeigen will, wie bedroht seine Vision von einer neuen Gesellschaft in Lateinamerika ist. "Strategien Washingtons gegen die bolivarianischen Regierungen" steht am oberen Rand. Darunter sind sechs Punkte aufgelistet: Es beginnt mit dem Nafta-Freihandelsabkommen und endet mit der Reaktivierung der "Vierten Flotte" der U. S. Navy mit Einsatzgebiet Lateinamerika. Dieterich hat den Kontinent auf seiner Folie mit einer schwarzen Linie umrandet, eingekesselt von den USA. Er sagt, in diesem und nächstem Jahr werde sich der Kampf der Systeme entscheiden. Bolivien sieht er schon fast unter der Kontrolle der Gegner, der Oligarchie, Ecuador schwächele, selbst Venezuela sei gefährdet, und dann sei es vorbei mit der Revolution in Lateinamerika. Die Luft im Saal ist stickig, einige Zuhörer haben die Augen geschlossen. Dieterich sagt: "Der Imperialismus wird aggressiv bleiben." Er sagt oft solche Sätze, sie klingen nach Kaltem Krieg. Deutschland nennt er stets "BRD".

Nach dem Vortrag steigt Dieterich die Treppen zur "VIP-Lounge" hinauf. Oben sitzt Gregor Gysi mit dem Chefredakteur der Zeitung Neues Deutschland . Lothar Bisky erscheint mit der venezolanischen Botschafterin. Dieterich kennt viele hier, aber er ist ein Fremder. Seit mehr als 30 Jahren ist er fort aus Deutschland und lebt in Mexiko. Manchmal verirren sich Wörter in seine Sätze, die es nicht gibt. Zur Begrüßung umarmt er seine Gesprächspartner, egal, wie gut er sie kennt. Er kann schnell Nähe schaffen, anderen das Gefühl geben, man kenne sich seit Ewigkeiten. Am Ende bleibt trotzdem wenig Persönliches. Die langen Jahre auf Reisen haben Heinz Dieterich zu einer Art ewigem Gast werden lassen. Er sagt: "Ich fühle mich mehr als Südamerikaner. Ich bin immer aufseiten der Schwachen." Rein Privates erzählt Dieterich selten, als sei es nicht wert, allein zu bestehen. Familie hat er keine. "Ich bin studentenbewegungsgeschädigt." Die Ehe sei das Ende jeder Liebe, ein Instrument zur Unterdrückung der Frau. Dieterichs Leben wird vom politischen Kampf beherrscht.

Wie aber wird ein deutscher Linker zum Vordenker lateinamerikanischer Bewegungen?