Klassik

Unglaubliche hundert Jahre ist es her, dass Arnold Schönberg musikalisch eine Welt hinter sich ließ – das harmonische Material schien ausgeschöpft. "Ich habe den letzten Schritt getan, und ich habe ihn konsequent getan", notierte er 1908. Bei der Uraufführung seines Zweiten Streichquartetts explodierten im vierten Satz die Quartakkorde und hievten das Werk raketengleich in eine andere Umlaufbahn. Schönberg erreicht, vornehm gesagt, die "Emanzipation der Dissonanz". Die Welt kann ins Atonale vordringen, und die Sopranistin singt die unsterblichen Worte von Stefan George: "Ich fühle Luft von anderem Planeten."

Die wieder einmal über sich hinauswachsende Christine Schäfer (Foto) und das Petersen Quartett gehen Arnold Schönbergs Zweites Streichquartett mit einer Wucht und Verve an, als seien sie der Musik buchstäblich mit Haut und Haaren verfallen. Man hört – auch im Largo desolato aus Alban Bergs Lyrischer Suite und in Anton Weberns Langsamem Satz für Streichquartett – nie ein erhabenes Räsonnieren über Vergangenes, sondern die Revolution an sich, wie sie gerade ausbricht und bei Berg dann wieder nach innen gewendet wird. Die kristallin klare Aufnahme dieser drei Stücke der Heiligen Drei Könige der modernen Musik hat nur einen kleinen Nachteil: Der Suchtfaktor wird so groß, dass man nur ungern auf die ausgesparten anderen Sätze der Lyrischen Suite verzichtet. Platz wär’ auf der CD schließlich noch gewesen. Mirko Weber

Schönberg, Streichquartett Nr. 2

Webern, Langsamer Satz

Berg, Lyrische Suite

Christine Schäfer, Sopran, Petersen Quartett