Es ist ein Supergefühl, es in das Parlament geschafft zu haben. Schließlich haben sich hierzulande viele Menschen mit Migrationshintergrund lange gewünscht, dass im Nationalrat endlich jemand Politik macht, der selbst Migrationserfahrung hat. Wenn andere Migranten und Migrantinnen sehen, dass mir mit meiner türkischen Herkunft so etwas gelungen ist, dann gibt ihnen das auch Vertrauen in das eigene Potenzial.

Ich bin im Alter von sieben Jahren mit meiner Familie von Ankara nach Istanbul übersiedelt und habe bis zu meinem 19. Lebensjahr dort gelebt. Ich bin am Meer aufgewachsen. Das fehlt mir noch heute – die salzige Luft, die Schiffe, die Möwen.

Nach der Matura ging ich nach Innsbruck, um Politik zu studieren. Damals bin ich davon ausgegangen, dass ich mit dem Hochdeutsch, das ich in Istanbul gelernt hatte, überall durchkommen würde. Von einem Tiroler Dialekt hatte ich bis dahin nichts gehört. Anfangs war es deshalb auch eine große Herausforderung. Meine Entscheidung, Politikwissenschaft zu studieren, ist schon recht früh gefallen. Ich habe im September 1980 als Elfjährige den Militärputsch miterlebt. Panzer rollten durch die Straßen, und überall waren Soldaten mit Maschinengewehren. Auf dem Weg zur Schule wurden unsere Ausweise kontrolliert. Das prägte mich so stark, dass ich Politik verstehen wollte. Noch während des Studiums in Innsbruck habe ich mich in Antirassismus- und Integrationsinitiativen engagiert. Zu den Grünen kam ich aber erst infolge des Antiausländervolksbegehrens von 1993. Ich habe damals Migranten beraten und dabei erlebt, wie legal eingewanderte Menschen im Lauf der Jahre durch Gesetzesänderungen illegalisiert und so zu Opfern wurden. Daraufhin habe ich begonnen, als Expertin für Migrations- und Menschenrechtsfragen in der grünen Parlamentsfraktion zu arbeiten. Später wurde ich Bezirksrätin und schließlich Landtagsabgeordnete.

Als Nationalratsabgeordnete wird die Veränderung des Staatsbürgerschaftsrechts eine meiner großen Herausforderungen sein. Jedes Jahr kommen in Österreich rund 9000 Babys als Ausländer zur Welt. Man stigmatisiert diese Kinder, indem man ihnen die österreichische Staatsbürgerschaft vorenthält.

Erst vor Kurzem habe ich in einem Familienalbum ein Foto gesehen, auf dem mein Urgroßvater neben Mustafa Kemal Atatürk und einigen Abgeordneten steht. Da erst habe ich erfahren, dass mein Interesse an der Politik familiäre Wurzeln hat: Mein Urgroßvater war einer der ersten Abgeordneten der türkischen Republik. Spannend, wie einen das Unbewusste antreibt.

Aufgezeichnet von Ernst Schmiederer