Beweist der Zusammenbruch des Finanzsystems nicht auch, dass Hartz IV falsch war? Müssen Reformfreunde nicht Abbitte leisten, weil sie dem zerstörerischen Turbokapitalismus den Weg ebneten? So jedenfalls klingt es in der deutschen Kapitalismusdebatte. Darauf gibt es zwei Antworten, und beide haben am Ende ein klares Nein.

Die erste Antwort ist die einfache, weil sie sich einfache Gegner sucht. Gegner, die schon immer gegen mehr Markt waren und nun den Tag der Revanche gekommen sehen. Sie tun, als ob der deutsche ökonomische Aufbruch der vergangenen Jahre nichts weiter war als die Verschwörung des Finanzkapitals gegen den kleinen Mann. Durch ihre Worte schimmert Triumph gegenüber den Managern und ihren Apologeten sowie Schadenfreude gegenüber Amerika, als ob der jetzige Zusammenbruch nicht vor allem den Ärmeren und den Arbeitslosen zusetzen wird, um die es doch angeblich immer geht. Hier feiert eine Ideologie ihren scheinbaren Sieg über die andere, mehr nicht.

Es ist allemal interessanter, sich mit dem stärkeren Argument auseinanderzusetzen. Und das lautet: Die vielleicht gut gemeinten deutschen Reformen und das Treiben der enthemmten Banker sind eines (neoliberalen) Geistes Kind und deshalb untrennbar miteinander verbunden. Wer das eine fordert, treibt das andere indirekt voran – und wer den Staat an einer Stelle zurückdrängt, schwächt ihn überall.

Dieser Sichtweise kommt man nicht einfach bei mit der durchaus richtigen Beobachtung, dass in der Finanzkrise neben dem Markt auch der Staat gehörig versagt hat – und allein in Deutschland mit seinen eigenen Banken bislang fast 20 Milliarden Euro im Spekulationssumpf versenkt hat. Denn die Politiker wurden demnach von der Welle des Marktliberalismus mit weggerissen, sie konnten sich de facto nicht auflehnen gegen das lange Zeit so coole angelsächsische Finanzcasino.

Aber was heißt das alles? Doch nur, dass der Diskurs keine Differenzierung verträgt und die Politik von ideologischen Wellen getragen wird. Wenn das stimmt, können wir die jetzige Debatte gleich schließen und sagen: Ja, der Markt ist am Ende, jetzt kommt die nächste, die linke Welle, und wir können auch sie nur geschehen lassen.

In Deutschland beruft sich fast jeder auf Ludwig Erhard

Tatsächlich ist der Kapitalismus in der Legitimationskrise, wenn die Banken wanken und viele Bürger diesseits und jenseits des Atlantiks Angst ums Ersparte bekommen. Wieder einmal hat er die ihm innewohnende Tendenz unter Beweis gestellt, zu überdrehen und sich dadurch selbst zu bedrohen. Darin liegt die Dialektik des Systems: Seine Dynamik ermöglicht gewaltige Innovationen und Wohlstandssprünge – aber sie kennt kein natürliches Ende, bevor das zerstörerische Element das schöpferische überwiegt. Aus genau dieser Einsicht ist der Ordoliberalismus erwachsen, demzufolge der Staat mit strengen Regeln das Funktionieren der Märkte sichern und die Menschen vor existenziellen Risiken bewahren soll.