Irgendetwas stimmt hier nicht. Guido Westerwelle steht im Foyer des Thomas-Dehler-Hauses in Berlin-Mitte, strahlt wie ein hell erleuchteter Lampenladen um Mitternacht und hechelt seiner eigenen Begeisterung hinterher. "Großartiger Erfolg", "großartige Leistung", "herausragendes Ergebnis". Es ist der Wahlsonntag, kurz nach 18 Uhr. Soeben wurden der FDP gut acht Prozent Stimmenanteil bei der bayerischen Landtagswahl prognostiziert – und damit, nach 14 Jahren Verbannung, die sichere Rückkehr in den Landtag. Während Westerwelle, ihr Bundesvorsitzender strahlt, fällt der Blick zuerst auf die Liberalen, die sich hinter ihm aufgereiht haben. Und dann auf die Ergebnisse der anderen kleinen Parteien, die aufsteigenden Gewinnbalken im Fernseher. Plötzlich weiß man, was hier nicht stimmt.

Erstens: Wie kann es sein, dass die im Altersschnitt jüngste Partei und die im Bundestag jüngste Fraktion nichts Repräsentativeres findet, um den Chef öffentlich einzurahmen, als Wolfgang Gerhardt, Cornelia Pieper und Jörg von Essen, das Personal von gestern? Und warum gelten für den Fall einer Regierungsbeteiligung im Bund die gefühlten Grauen Panther Hermann Otto Solms und Rainer Brüderle als aussichtsreichste Ministerkandidaten? Zweitens: Mit ihren acht Prozent ist die FDP die neue Nummer drei in Bayern – unter den Kleinen. Freie Wähler und Grüne liegen deutlich vor ihr. Aus der Masse der CSU-Flüchtlinge hat es noch nicht mal jeder Dritte zur FDP geschafft. "Großartig", "herausragend", sogar "ein großer Abend für die Freiheit" – ist das nicht alles ein bisschen dicke?

Bayern hat gewählt, und zu dem vielen Rätselhaften, das aus dem Niedergang des christsozialen Imperiums erwächst, gehört auch die Frage nach dem Befinden der FDP. Erlebt sie gerade eine Erfolgsgeschichte – oder simuliert sie nur eine? Zwar steht die Partei in allen Bundesumfragen stabil im zweistelligen Bereich und wird sowohl von der Union als auch von der SPD als möglicher Koalitionspartner nach der Bundestagswahl 2009 heiß umworben. Doch ob die Stärke nun neuer liberaler Kraft entspringt oder nur der Schwäche der Union, weiß die FDP selbst nicht genau. Und mehr noch: Zehn, elf, zwölf Prozent hören sich zwar nicht schlecht an. Aber müssten die Liberalen nicht, wie ihnen ihr Parteifreund im Geiste, der CDU-Politiker Friedrich Merz, unlängst vorgehalten hat, viel deutlicher davon profitieren, dass die Union das Feld der Wirtschafts- und Finanzpolitik brachliegen lässt? Fragen wir doch mal jene, die die neue FDP verkörpern, aber (noch) nicht ihr Gesicht sein dürfen. Fragen wir doch mal die Jungen.

Der Neoliberalismus ist verschwunden, Connie Piper ist noch da

Daniel Bahr ist ein Liberaler aus Fleisch und Blut, taugt aber auch als Symbol. Wenn man sich zu Beginn dieses Jahrzehnts mit einem FDP-Hoffnungsträger austauschen wollte, traf man Daniel Bahr. Wenn man sich heute, gegen Ende des Jahrzehnts, mit einem FDP-Hoffnungsträger austauschen will, trifft man – Daniel Bahr. Draußen rast die Welt – und drinnen ruht die FDP. Der Neoliberalismus ist verschwunden, Connie Pieper immer noch da.

Bahr widerspricht dem Eindruck des Stillstandes, dem Vorwurf des leistungslosen Profits. Der gelernte Bankkaufmann und studierte Volkswirt, gesundheitspolitischer Sprecher der Bundestagsfraktion, wird im November zwar gerade 32 Jahre alt. Im Herunterbeten von Erfolgen ist er aber längst Vollprofi. Die FDP habe mit Westerwelle eine klare Nummer eins, sie habe sich thematisch deutlich erweitert, ihre Personaldiskussionen beendet, ihr Profil geschärft und ihre innere Balance wiedergefunden. Die Innen- und Rechtspolitik sei neben der Wirtschafts- und Finanzpolitik wieder der zweite Grundpfeiler der Liberalen. Dies sei weit mehr als eine taktische Korrektur. "Die Partei lebt das wieder." Noch sind keine 20 Minuten um, da hat Bahr schon viermal "Mittelschicht" gesagt.

Am Wahlsonntag nannte Westerwelle die Mittelschicht schon im zweiten Satz. "Die permanente Belastung der Mittelschicht muss ein Ende haben", heißt das dann. Früher sprachen FDP-Vorsitzende und FDP-Hoffnungsträger lieber vom "Mittelstand". Hinter der Erweiterung des Mittelstandes zur Mittelschicht verbirgt sich nicht weniger als der dezente Versuch einer Imagekorrektur. Die FDP soll nun emotionaler wirken, sympathischer, nicht mehr so kalt-rational, nicht mehr so rein ökonomistisch. Die FDP, die Kraft der reinen Vernunft, soll nun, so kann man das auch sehen, ein Herz bekommen – und es dann auch zeigen.