Es ist natürlich kein gutes Zeichen, wenn ein Finanzminister öffentlich anders spricht, als er hinter den Kulissen handelt – ja handeln muss. In Zeiten der Krise ist das nichts anderes als das Startsignal für das ganz große Drama.

Noch in der vergangenen Woche, bei seiner Regierungserklärung im Bundestag, hatte Bundesfinanzminister Peer Steinbrück (SPD) mit dem ausgestreckten Finger über den Atlantik gezeigt. Die USA, so Steinbrück, seien "der Ursprung und der eindeutige Schwerpunkt der Krise". Ein Rettungspaket für angeschlagene Banken, wie es sein US-Amtskollege Henry Paulson auf den Weg gebracht habe, sei "in Deutschland oder Europa weder notwendig noch sinnvoll". Da war es Donnerstag. Und Steinbrücks eigene Beamten rätselten bereits, wie viele Stunden die Aussagen ihres Chefs wohl halten würden.

Es waren 72. Am Sonntag musste der Bund dem pleitegefährdeten Dax-Konzern Hypo Real Estate beispringen – mit einer Garantie über 27 Milliarden Euro. Zeitgleich retteten die Regierungen von Belgien, den Niederlanden und Luxemburg den Finanzkonzern Fortis – indem sie ihn quasi verstaatlichten.

Seit dem Wochenende ist die Finanzkrise endgültig auf dieser Seite des Atlantiks angekommen, und damit auch in Deutschland. Die bisherigen Verluste der Landesbanken, auch die Schieflage der Mittelstandsbank IKB: All das könnte nur ein Vorgeschmack gewesen sein auf die Probleme, die sich jetzt auftun. Wie saurer Regen, der die Wurzeln gesunder Bäume verätzt und giftige Schwermetalle im Boden freisetzt, dringt die Finanzkrise immer tiefer in Europa ein. Sie trifft Banken, die noch vor Kurzem als krisenfest galten. Sie verschlingt das Geld der Steuerzahler, denen man bis eben noch erklärte, die Krise werde sie nichts kosten. Und sie erfordert das gemeinsame Eingreifen nationaler Regierungen, die sich zuletzt uneinig waren. Wie viel Schaden die Finanzkrise tatsächlich anrichten wird, entscheidet sich in diesen Wochen.

Es ist ein anderer Peer Steinbrück als sonst, der am Montag in Berlin vor die Presse tritt. Blasser. Müder. Vor allem leiser. Bis spät in die Nacht hat er am Rettungspaket für die Hypo Real Estate gearbeitet; erst als er staatliche Garantien für die angeschlagene Bank in Aussicht stellte, waren die privaten Banken bereit, ebenfalls zu bürgen. Man habe, sagt Steinbrück in die Kameras, ihn sogar gebeten, die Bank zu verstaatlichen. Kurze Pause. "Ich habe mich dem entzogen." Er sagt es so, als könne er selbst nicht glauben, was in der Nacht zuvor geschah.

Was, wenn die Sparer plötzlich das Geld abziehen?

Tatsächlich ist die Verstaatlichung von Banken längst europaweit im Gange:

Großbritannien nationalisiert den Hypothekenfinanzierer Bradford & Bingley und übernimmt Verbindlichkeiten von 63 Milliarden Euro. Filialen und Spareinlagen landen bei der Banco Santander aus Spanien.