Es hätte sich am Morgen nach der Wahl keiner gewundert, wenn die Alpen verschwunden gewesen wären und man bis zum Mittelmeer hätte schauen können. Denn am denkwürdigen Abend vorher, in den Stunden nach der ersten Hochrechnung, war viel von vernichtenden Urgewalten die Rede, von Muren, Lawinen und Erdbeben. Der Absturz der CSU war einfach unglaublich – und noch unglaublicher war, dass ausgerechnet sie, die Freien Wähler (FW), dieses Naturereignis ausgelöst hatten.

Ein Abordnung hatte sich am nämlichen Abend in Bad Heilbrunn im Café Waldrast zu einer Wahlparty versammelt. Das Dorf liegt im Landkreis Bad Tölz, der zu den Epizentren des politischen Bebens gehört. Hier hatte es sich schon lange vorher, bei den bayerischen Kommunalwahlen im Frühjahr, angekündigt. Da besiegte Josef Niedermaier, der FW-Kandidat, den haushohen CSU-Favoriten Martin Bachhuber und wurde zum Landrat gewählt. Und nebenher verlor die CSU in Bad Heilbrunn, wo Bachhuber 18 Jahre lang Bürgermeister war, die Alleinherrschaft. Jetzt hat er zwar das direkte Landtagsmandat errungen, aber in seinem Stimmkreis Bad Tölz-Wolfratshausen, im alten Reservat des Exlandesvaters Edmund Stoiber also, musste die CSU die schmerzhaftesten Verluste in ganz Bayern hinnehmen: 26,4 Prozent minus. Nur um Freising und Pfaffenhofen herum war es noch verheerender.

Wer allerdings gedacht hatte, in der Waldrast würde gejubelt, bis der Dachstuhl kracht, sah sich schnell widerlegt. Die Versammelten reagierten nicht einmal schadenfroh auf das Desaster der Christsozialen. Es herrschte eher eine Art stille Genugtuung, ein In-sich-Hineinschmunzeln. "Ma soll jetz ned auf die CSU eindreschn", sagte Lorenz Weidinger, Stadtrat der Freien Wähler in Geretsried. Es hörte sich ein bisschen mitfühlend an. Schließlich war der Ingenieur selbst zwölf Jahre lang "ein leidenschaftlicher Schwarzer", ehe er aus Ärger über den lähmenden Parteifilz austrat.

Den Weg Weidingers gingen viele seiner FW-Kollegen – sie sind Fleisch vom Fleisch der CSU. Wenn man die Runde genauer studiert, ahnt man, warum sie so erfolgreich sind. Da sitzen Lokalpolitiker, die die CSU in ihren Hochburgen das Fürchten gelehrt haben, Bäckermeister, Ärzte, Bauern. Und gestandene Mannsbilder wie der erwähnte Landrat Sepp Niedermaier, dessen Triumph sich bis in die Norddeutsche Tiefebene herumgesprochen hat. Aber der 45-Jährige sieht in seinem Holzfällerhemd überhaupt nicht aus wie einer dieser eitlen Provinzfürsten, die sich im Bayernland gerne inszenieren wie Oberhäuptlinge in Afrika.

Mittendrin hockt der Zehendmaier Franz, Mechanikermeister und Bezirkstagsaspirant, ein Bayer aus dem Bilderbuch. Er trägt zum Trachtenanzug einen tannengrünen Tegernseer Hut, der weiße Vollbart wächst bis zum Gilet-Ketterl auf seiner Brust hinunter. "I bin oana ausm Volk, a anständiger Bayer", sagt er. Und fügt gleich seine Erklärung für das Allzeittief der CSU hinzu: "Hochmut kommt vor dem Fall!" Auf Hochdeutsch sagt er das, damit es überzeugender klingt.

All diese Männer – Frauen sind nur wenige zugegen – haben zwei Sekundärtugenden gemeinsam: Bodenständigkeit und Bescheidenheit. Es ist kein abgehobener Parteifunktionär unter ihnen, kein glatter Karrierist, kein halbseidener Aufschneider. Sie wirken authentisch und volksnah, sie sind sie selbst und wollen Politik um der Sache, nicht um der reinen Macht willen betreiben. Vor allem aber: Sie verkörpern die eigentlichen Grundwerte der CSU, urkonservativ und mitunter rechtslastig, aber weltoffen, der katholischen Soziallehre verpflichtet, traditionsverwurzelt und zugleich modern.

Später stößt noch der Florian zur Feierrunde – und alle klatschen heftig. Florian Streibl, Rechtsanwalt, Theologe, Sohn des ehemaligen CSU-Ministerpräsidenten aus Oberammergau, FW-Spitzenkandidat im Stimmkreis 110. "Es gibt doch verdammt viele unanständige Bayern", flachst er. Und sagt bei einem Glaserl Frankenwein noch einen Merksatz, an dem die CSU-Granden zu beißen haben: "Heute wäre mein Vater auch bei den Freien Wählern."