Der Deutsche liebt den Scherz über den langsamen, rückständigen Schweizer. Aber es sind immer weniger Dinge, in denen der Deutsche kulturell voraus ist. Stetig holen die Eidgenossen auf. Schon 1971 führten sie das Stimmrecht für Frauen ein. Also konnten fortan Witze über frauenunterdrückende Helvetier nur noch kantonal angewendet werden – bis 1990 auch das Appenzell seine Frauen zur Landsgemeinde zuließ. Heute fehlt den Berglern fast nichts mehr, was eine Kulturnation ausmacht.

Nun belegen zweitausend Jahre alte Knochenfunde am Kultberg Mormont (Kanton Waadt), dass den Helvetiern sogar eine Kultur der Wiederverwertung eigen war, die man von den Azteken kennt, den Neandertalern, den christlichen Kreuzrittern und den neolithischen Franken: Kannibalismus. Es ist zu früh, vom Einzelfall, von den paar angebrannten, abgenagten Hominidenknochen im Alpenland auf eine allgemein helvetische Tugend zu schließen. Denn anders als in Deutschland, wo die Einverleibung der Artgenossen bis in die Moderne belegt ist (siehe Armin Meiwes, der in Essen geborene "Kannibale von Rotenburg"), kann die Schweiz noch nicht behaupten, dass sich diese kulinarische Gepflogenheit bis heute erhalten hat. Urs Willmann