Selbst mit der Lupe wird hier unten auf dem bloß daumennagelgroßen Bild des Buchcovers kaum zu erkennen sein, dass der dunkle Fleck auf dem Gewand über der linken Brust der gesichtslosen schönen Dame in Wahrheit ein kleines Medaillon ist, mit einem Gesicht darauf, dem Gesicht Hegels, des großen Philosophen – als brauchte die Frau kein eigenes.

Der Körper mit dem Medaillon dran wie mit einem Namensschild steht für Hegels Schwester, denn von ihr, ganz anders als vom berühmten Bruder, gibt es kein einziges Bildnis – wie ein Schatten geistert sie in jener vergangenen Welt herum, beinahe wesenlos.

Die Stuttgarter Historikerin und Germanistin Alexandra Birkert hat sich ihrer nun angenommen: Hegels Schwester (Thorbecke Verlag, Stuttgart 2008; 350 S., geb., 24,90 €), und sie beschreibt auch immer, wie sie das gemacht hat, sehr viel mehr kann sie oft kaum beschreiben, denn wo immer sie gesucht hat, hat sie allzu oft nichts gefunden als fehlende Briefe, herausgerissene Blätter, gestrichene Passagen, oder bei älteren Hegel-Biografen, denen noch jetzt verlorenes Material vorgelegen hat, wie aus Scham und Rücksicht verschwiegene Fakten.

Und aus dem Wenigen, das sich doch erhalten hat, rekonstruiert die Autorin nun das Leben dieser wie Verschollenen, liebevoll, und beschimpft auch jene nicht, die man vielleicht verantwortlich machen könnte für das ganze Verschwinden, den Bruder selber oder dessen Söhne (diese, weil die am Ende doch etwas verbitterte Frau in ihrem Testament auch ein illegitimes Kind Hegels bedacht hatte, das die rechtmäßigen Söhne bis dahin für ein bloßes Pflegekind gehalten hatten; Hegel selbst hatte diesen Nebensohn nie verleugnet).

Nicht dass der Schatten der Schwester nun wirklich ins Leben, wenn auch ins vergangene Leben nur zurückkehrte; aber man beginnt ein Leben zu ahnen, manchmal tauchen Züge auf wie beinahe von einem wirklichen Gesicht, Gesichtszüge einer sehr gebildeten jungen Frau, einer politisch engagierten Frau auch in einer ebenso revolutionären wie repressiven und von der Autorin eindrucksvoll geschilderten Gesellschaft; der langjährigen Hauslehrerin und Gouvernante auf den Schlössern der Nachfahren jenes Götz von Berlichingen, dessen eiserne Hand sie auch zu verwalten und Besuchern vorzuführen hatte, Gesichtszüge einer Frau, die wahrscheinlich von einem Mann nicht wirklich geliebt worden ist, auch wenn nicht ganz sicher ist, ob es wirklich der war, der dafür infrage kommt; einer Frau, die zwischendurch über ein Jahr lang in der Landesirrenanstalt Zwiefalten zubringen musste; und sich am Ende, im Jahr, in dem der Bruder in Berlin an der Cholera starb, achtundfünfzigjährig ertränkte, in der Teinach, einem Flüsschen gerade groß genug dafür.

Stillleben mit buch

Nächste Woche erscheint an dieser Stelle "Taschenbuch" von Franz Schuh