Wenn eines späten Septembertags ein junger Naturphilosoph an einem Waldschlösschen auftaucht, um von dort einen Fluss entlang zum Blauen Wunder zu wandern, mit ungebändigtem Haar, dann darf man annehmen, dass es um deutsche Romantik geht. Aber das täuscht. Hier in Dresden ist das Waldschlösschen, wo dieser Naturphilosoph, Andreas Weber, gerade sein Handy ausstellt, das Notebook einpackt und sich nach einem starken Kaffee umsieht, nicht Topos verwunschener Einsamkeit. Sondern so heißt der Ort einer Zivilisationsgroteske: Am Waldschlösschen wird mittels einer Elbbrückenbaustelle freiwillig das Weltkulturerbe der Barockstadt verspielt; und das "Blaue Wunder" ist bloß eine Elbbrücke aus bläulichem Stahl, ein paar Kilometer weiter, Ia Ingenieurkunst, sie hat allen Bomben getrotzt.

In den Dresdner Elbauen haben also Ökonomie, Bürokratie und Technik, unter tätiger Mithilfe der Demokratie, das Lebendige und Naturschöne in ihre Schraubzwingen gesteckt, wie die Romantik es ausgedrückt hätte. Entzauberter als hier kann Natur sich kaum zeigen. Nur der Septembersonne ist das erkennbar egal, die heute die Elbauen noch einmal in Hellgrün färbt, als ziehe eben der Frühling ins Land.

Es ist etwas gemein, sich hier an der Baustelle mit Andreas Weber zum Spaziergang zu verabreden. In seinem neuesten Buch Biokapital wünscht sich der Autor nämlich, für eine vernünftige Ökologiepolitik sollte man es, nach dem Subsidiaritätsprinzip, der jeweils untersten demokratischen Ebene überlassen, über den Umgang mit Natur vor Ort zu entscheiden. Genau das ist in Dresden passiert. Hier haben sich die Bürger für die Zerstörung einer Landschaft entschieden, die man zu den schönsten der Welt zählen durfte. Da hat die Praxis die Idee frisch blamiert.

Sicher, sagt Weber belustigt, der Treffpunkt sei ziemlich gemein. Aber er passe doch prima. Diese Dresdner hätten eben sein Buch nicht gelesen, als sie sich für die Brücke entschieden, und ob diese Baustelle über ihre Anfänge jemals hinauskäme, ließe sich ja noch gar nicht erkennen. Sein Buch sei der Versuch, die Wirklichkeit anders zu sehen und dabei der Natur zum Ausdruck zu verhelfen. Weil er natürlich weiß, dass so traditionell der Romantiker spricht, lacht er, wie zur Probe, ob das in diesem Gespräch geht. Zur Ironie wird er während des Wegs immer wieder zurückkehren.

Seinem Buch darf man alles Gute wünschen, damit es nicht in den Vorwürfen untergeht, es sei wahlweise biofaschistisch, irrational, Kraut und Rüben oder fundamentalistisch. Dabei, sagt Weber, sei es als heuristische Hilfe gedacht: als Wahrnehmungsvorschlag. Als ein "Rettungsboot", sagt er dann, ernst, als ein Aufbieten des letzten Arguments angesichts des ökologischen Irrsinns, der die Vielfalt des Lebendigen längst ruiniert, also die Lebensgrundlagen. Das Argument heißt: Der Ruin der Natur mit ihrer Artenvielfalt und ihren Ressourcen kommt der Zerstörung unvorstellbarer Geldwerte gleich. Dabei müsse man nur mal elbaufwärts sehen, um zu wissen, was es zu retten gilt. Und Weber hält fest: Die belebte Natur bleibe, trotz menschlicher Eingriffe, ein poetischer Zusammenhang, sprachlicher Ausdruck, deutbar, verstehbar.

Dann will der gelernte Biologe und in Paris promovierte Philosoph, der in keinem Szenerestaurant als Öko auffiele, erst mal ein Würstchen essen. Das sieht dicklich aus, und gefragt, warum denn ein Naturmensch wie er klaglos derart fragwürdige Würstchen esse, sagt er trocken, aus schierer Verzweiflung, und damit ist auch das Klischee des unglücklichen Romantikers zur Strecke gebracht. Aber er habe, wörtlich, eine CO₂-neutrale Holzscheitheizung und eine Lehm-Mineralschaumdämmung nach EnEV-Standard in eine marode und zuvor nachtspeicherbeheizte Immobilie aus den Fünfzigern eingebaut. Wäre das, fragt er, nicht ein neuromantisches "Zauberwort"?

Dann will er erklären, wie man es schafft, den Markt mit der Natur zu versöhnen, was alle zufriedener machen würde, und dass Schluss sein könne mit der "Lebenslüge", es ließe sich weitermachen wie bisher. Kaum merkt Weber, dass einem sein Reden von der "Wahrheit", den "richtigen Lösungen", die nur umzusetzen wären, ungemütlich wird, bleibt er stehen. "Ich sage nur, dass Natur objektiv unschätzbar wertvoll ist."