Marguerite von Male erzählt uns die Geschichte ihrer eigenen Geburt – im Präsens und im Detail. Ein dramatischer Moment in einer kalten Winternacht. Das Kind liegt falsch im Bauch der Mutter, erst nach langer Qual erblickt es das Licht der Welt. Doch der Vater, der Graf von Flandern, ist enttäuscht, verbittert, zornig. Es ist ein Mädchen, das ihm seine Frau, die Herzogin von Brabant, geboren hat. Er hatte einen Sohn erwartet.

Impulsiv, fast atemlos beginnt dieser Roman, mit jenem 31. Dezember 1347, dicht gedrängt und voller Sinnlichkeit erzählt er uns schon auf den ersten Seiten mitten hinein ins späte Mittelalter, in die Zeit des Hundertjährigen Krieges, in den Machtkampf zwischen England und Frankreich. Flandern steht bedroht, umworben und innerlich zerrissen dazwischen. Die reichen Tuchhändler in Gent und Brügge setzen auf das Bündnis mit England, die englische Wolle ist die Basis all ihrer Geschäfte. Der Graf dagegen paktiert mit Frankreichs König. Im Zentrum des Buches aber steht die zwischen Liebe und Hass gespannte Beziehung des Grafen und seiner Tochter.

Marguerite wird eines Tages die Erbin von Flandern und Brabant sein, denn ihre Mutter liegt krank im Kloster, des Grafen Hoffnung auf einen Sohn ist endgültig dahin. "Jedes Mal", spricht der Vater bitter und verächtlich, "wenn ich dich sehe, sehe ich Gott, der mich auslacht. Denn das ist es, was du bist. Ein Witz. Ein Witz Gottes." Nach dreihundert Jahren stirbt die männliche Linie, das Haus erlischt – und das geschieht ihm, dem Fels gegen England, dem nun auch noch die Gilden der Tuchmacher den Rang ablaufen: "Die Städte brauchen keinen Grafen mehr. Sie existieren aus eigener Kraft. (…) Sie sind reicher als der Papst. Ich bin überflüssig."

Und auch die missachtete Tochter, kaum der ersten Kinderzeit entwachsen, lernt zu widersprechen. Sie macht sich selbstständig und frei, schleicht sich aus dem Schloss, und mit Willem, Hendrik und Godfried zieht sie rau und burschikos durch die Lande: "Oft gehen wir auch in die Stadt Brügge hinein, vor allem an den Tagen, an denen eine Hinrichtung angekündigt ist. Wir sind alle vier verrückt nach Hinrichtungen." Heimlich nimmt sie Fechtunterricht, lernt das Reiten oder stellt sich dem Kaplan van Izeghem bei der Morgenmesse zum Wortduell, als der mal wieder seine nervtötende Litanei über die Sündhaftigkeit der Frau anstimmt. Und sie verliebt sich: "Es gibt niemanden, der so grinst wie Willem. Er ist fast ein Ritter." Kindheit und Jugend der Marguerite von Male als lebenstolle Reise durch Flandern. Doch dann ist Schluss, sie soll parieren, der Vater will sie verheiraten.

An England oder an Frankreich? Der Graf von Flandern beugt sich dem Druck der Gilden: "Sie wird Edmund von Langley heiraten, Herzog von Cambridge, Prinz von England und jüngster Sohn von König Edward III." Mit Marguerite aber ist das nicht zu machen. Sie will Edmund nicht, rebelliert gegen das väterliche Machtwort – und entwickelt sich mühelos zu einer modernen Romanfigur. Der Prinz mag nur kommen, sie wird’s ihm zeigen: Er werde "mit dem schnellsten Pferd Flanderns fliehen, zurück zu seinem Landgut in England. Dort wird er anfangen zu zittern, wenn er nur meinen Namen hört." Das Duell der Tochter gegen den Vater geht weiter. Am Ende ziehen sie sogar die Schwerter. Sie kreuzen die Klingen – und versöhnen sich.

Meisterhaft arrangiert das Genter Autorenduo Jean-Claude van Rijckeghem und Pat van Beirs ein dramatisches Kapitel aus der Geschichte Flanderns. Gleichermaßen abseits von bloß mittelalterlicher Kostümierung wie von braver historischer Beflissenheit überzeugen Kraft und Temperament ihrer Erzählung. Bis zum Finale des Romans – Flanderns Schicksal verdunkelt sich, zum Krieg kommt die Pest: "Das schreckliche, prophetische Buch der Apokalypse wird geöffnet." Marguerite liegt geschwächt im Kloster, wird gepflegt und wieder gesund. Das Frühjahr kommt, und sie weiß, was sie will: "Ich will mein Leben zurück." Reinhard Osteroth

Jean-Claude van Rijckeghem/Pat van Beirs: