Kritik in kürze

Man kann, wenn man will, in den berüchtigten Ruinen des alten Havanna eine einfache Gleichung entdecken: Derzufolge wäre der Zerfall der Häuser gleich dem Niedergang der Gesellschaft im Totalitarismus.

Aber es ist sehr viel komplexer. "Die durch die Bombardements der Zeit zerstörten Straßen sind das perfekte Szenario für einen Diskurs des Belagerungszustands", schreibt Antonio José Ponte über seine Heimatstadt Havanna. Abgesehen davon, dass die kubanische Regierung unter Castro den Zerfall Havannas zweifellos beschleunigt hat, indem sie ihn einfach in keinster Weise aufhielt: Havanna ist der endemische Ort des Zerfalls, das hat schon Graham Greene festgestellt, als er zwei Jahre vor der Revolution seine wunderbare Spionage-Satire schrieb. Unser Mann in Havanna – so wurde auch Antonio José Ponte von Exil-Literaten genannt, kurz bevor er 2003 dem politischen Druck nachgab und in Madrid blieb.

Ponte ist Inhaber eines von ihm selbst erfundenen Lehrstuhls für Ruinologie und als solcher Verfasser mehrerer Bücher sowie Protagonist einer Filmdokumentation über das alte Havanna. Ponte weiß aus eigener Anschauung, was es bedeutet, wenn eine Stadt sich mehr und mehr nach innen zusammenzieht, indem sie sich in immer kleinere Räume unterteilt, wenn Zwischenböden zu Wohnungen, Kleiderschränke zu Schlafkammern, Badewannen zu Hühnerställen werden. Gleichzeitig ist er aber ein ruinologischer Autodidakt, der sich Dinge zusammendenkt, die äußerlich wenig miteinander zu tun haben wie das Ende der allnächtlichen Fiesta von Havanna in den späten sechzigerJahren und die subversive Filmästhetik.

Ponte lässt seinen freien Geist schweifen, von einem Thema zum anderen. Er tut es nachdenklich essayistisch, genervt autobiografisch, phasenweise satirisch – und weit über die Karibik hinaus: Ein Teil des Buches ist dem Stasimuseum in Berlin gewidmet, an anderer Stelle verblüfft er mit einem Exkurs über die Schönheit der Ruinen von – ausgerechnet – Coventry. Ponte spricht von deren "anstößiger, gequälter Schönheit". Und schon ist man wieder in Kuba und hört durch offene Wände die Nachbarn streiten.

Antonio José Ponte: Der Ruinenwächter von Havanna

Aus d. Span. v. Sabine Giersberg; Kunstmann, München 2008; 234 S., 19,90 €