So wichtig es ist, auf reaktionäre Verstrickungen und theoretische Mängel von Alexander Mitscherlich hinzuweisen, so wichtig ist es auch, Mitscherlichs Bemühungen zu würdigen, psychoanalytische Erkenntnisse für die kritische Analyse gesellschaftlicher Verhältnisse fruchtbar zu machen.

Gerade brisante Fragen etwa über Leid und Angst von Menschen in Kriegsgebieten, die Ursachen von Neid und Gier im Kapitalismus, die Kontinuität von Rechtsextremismus oder die Angst der Menschen vor dem Altern sind ohne einen Blick auf unbewusste Dynamiken nicht angemessen zu ergründen. Angesichts der Aktualität der Themen muss an diesem Projekt unbedingt festgehalten werden.

Zunehmend aber wird die unbequeme Psychoanalyse auch aus den wenigen Hochschulen herausgedrängt, an denen noch an der Aktualisierung einer psychoanalytisch fundierten Politischen Psychologie gearbeitet wird. So zum Beispiel in Hannover, wo Studierende gerade mit einer Petition versuchen, diese Forschungstradition zu retten.

Alexander Mitscherlich haben wir als Herausgeber der Psyche und erstem Direktor des Sigmund-Freud-Instituts in dieser Hinsicht sehr viel zu verdanken.

Markus Brunner und Katrin Schmidt, Hannover