Umsichtiges Bankgeschäft war einmal. F. W. Christians von der Deutschen Bank zum Beispiel war einer seiner Vertreter. Dann kam der Big Bang und die Harvard und London Boys übernahmen. Das neue Motto: Gewinnmaximierung – in die eigene Tasche – à tout prix und auf die Schnelle, die Guten ins (eigene) Kröpfchen, die Schlechten ins Töpfchen, alles ins Schaufenster, Reserven aus dem Keller und also: Nach uns die Sintflut.

Der geniale Trick: die Finanzindustrie so aufblähen und verflechten, dass die Politik es nicht mehr wagt, sie pleitegehen zu lassen, too big to fail, too connected to fail: zu groß und zu verflochten.Mit diesem doppelten Netz ließ es sich trefflich spekulieren und Geschäfte machen, mit genial-fantastisch konstruierten Finanzprodukten, die nur die mathematischen Köpfe in den Zentralen verstanden, die Financial Engineers oder "Struckies", eine Art Verpackungskünstler, die von Wirtschaft und Märkten wenig verstanden.

Ihre Chefs, die oftmals weniger verdienten, durchschauten diese Konstrukte meistens nicht – wichtig war allein, was hinten rauskam – und auch nicht die Sales-Truppen an der Front, die für die neuen Herren des Universums anschaffen mussten, geschweige denn die ahnungslose Kundschaft, vom kleinen Zertifikatekäufer über leichtgläubige Stadtkämmerer bis zu großen Institutionellen wie IKB und Landesbanken. Diese verrieten für eine kleine Extraportion Rendite ihre eigentlichen Geschäftsaufgaben.

Der volkswirtschaftliche Unsinn des Ganzen liegt auf der Hand: Man kann das, was in der Realwirtschaft erstellt wird, durch noch so raffinierte Produkte und Finanz-Hokuspokus nicht noch mal um ein Mehrfaches umverteilen. Auch monetäre Alchemie ist Schwindel, selbst wenn sie noch so klug daherkommt. Die Finanzindustrie dient der optimalen Allokation von Kapital, nicht der maximalen Erzeugung und Verteilung von heißer Luft. Kostolanys Bild vom Herrn und vom Hund: Der Hund, die Finanzindustrie, ist dem Herrn, der Realwirtschaft, meilenweit vorausgelaufen. Jetzt muss er zurückgeholt werden, und auch der Herr wird kürzertreten, ein schmerzlicher Prozess, der über Jahre gehen kann.

Es gibt niemanden mehr, der das jetzige Wirtschafts- und Finanzsystem politisch verteidigen würde. Die unsichtbare Hand des Marktes hat zwar am Ende nicht versagt, aber sie hat zu lange gebraucht.

Die Stimmung im Volk über das Versagen der wirtschaftlichen Eliten, über die Asymmetrie der sozialen Marktwirtschaft (die Gewinne für den Markt, das heißt für die eigene Tasche, Verluste aus dem Sozialen, das heißt aus dem Steuertopf) und die generell "gefühlte" soziale Schieflage werden erst recht einen Umverteilungsprozess wie in den siebziger Jahren nach sich ziehen, wobei in Deutschland Trommler Oskarchen den Takt vorgeben wird. Zusätzliche Ironie der Geschichte, dass demnächst DDR-Nostalgiker das Zünglein an der politischen Waage in Deutschland sein werden.

Ich kenne einen Investmentbanker, der hatte sich gegen die Anfechtungen des Hals-nicht-Vollkriegens ein Heiligenbildchen auf den Schreibtisch gestellt: St. Blasius, der Schutzheilige gegen Halskrankheiten.