Zwei Länder, zwei Kulturen. Deutschland und die USA unterscheiden sich neben vielem anderen auch darin, wie ihre Unternehmen rechnen. Das ist ein wichtiger Unterschied, und er war wohl niemals so bedeutsam wie gegenwärtig in der Finanzkrise.

Weltweit sahen sich die Banken nach dem Preisrutsch auf dem US-Immobilienmarkt gezwungen, mehr als 500 Milliarden Dollar auf Wertpapiere abzuschreiben, die sich in ihrem Besitz befinden. Die immer neuen Verlustmeldungen mündeten in eine Vertrauenskrise von historischem Ausmaß.

Das Bankendrama hat eine neuartige Amerikakritik ausgelöst. Die Bundeskanzlerin, der Finanzminister und auch sonst fast jeder im politischen Berlin machen den Amerikanern Vorhaltungen wegen ihrer unsoliden Art zu wirtschaften. Das ist aber unangebracht, weil sich die deutschen Landes- und Staatsbanken unter politischer Aufsicht an der Megaspekulation kräftig beteiligt haben.

Überdies arbeitet die Große Koalition an einem Gesetz, mit dem sie eine umstrittene Wirtschaftspraxis aus den USA vom kommenden Jahr an auch in Deutschland einbürgern will. Es geht um die Bewertung von Finanzpapieren. Der Plan ist bisher nur in Fachkreisen beachtet worden, dabei berührt er grundsätzliche Fragen: Wem dienen Unternehmen (außer ihren Kunden) in erster Linie – den Eigentümern? Den Mitarbeitern? Oder den Gläubigern? Und: Wollen wir in Deutschland Unternehmen haben, die auf langfristigen Erfolg ausgerichtet sind? Oder lieber solche, die stets flexibel reagieren und im Interesse ihrer schnell wechselnden Geldgeber alle Geschäftschancen umgehend nutzen?

Ob ein Unternehmen Gewinn macht, hängt auch davon ab, wie es rechnet

Im Mai hat das Kabinett den Entwurf eines "Gesetzes zur Modernisierung des Bilanzrechts" beschlossen, im Herbst soll der Bundestag die Neuregelung beraten. Es wäre ist die seit Jahrzehnten umfassendste Änderung der Regeln in diesem Bereich.

Anders als ein zahlengläubiges Publikum denkt, hängt der Gewinn eines Unternehmens nicht nur von seinem tatsächlichen Erfolg ab, sondern auch davon, welche Rechnungsregeln angewandt werden. Wie zwei Künstler vom selben Gegenstand verschiedene Bilder malen, so ist auch in der Bilanzierung vieles eine Frage der Perspektive.