Der unscheinbare Herr mit der Glatze und dem gutmütigen Gesichtsausdruck hat einmal gesagt, er schalte sich persönlich erst in Geschäfte ein, bei denen es um 500 Millionen Dollar oder mehr gehe. Lieber noch: um solche ab einer Milliarde.

Sergej Tschemesow leitet den russischen Technologiekoloss Rostechnologii. 400 Firmen hat er darin vereint, und der Beiname des 56-Jährigen lautet: "der große Integrator".

Doch Tschemesow ist kein Mann der freien Wirtschaft, er arbeitet für den russischen Staat. Die Firmen in Rostechnologii wurden zwangsweise vereint. Der Konzern ist eine Art Industrie-Gasprom und der Chef selbst, ein persönlicher Freund Wladimir Putins, zugleich der oberste Waffenhändler der russischen Regierung. Sein wichtigster Auftrag lautet im Augenblick, die Entwicklung der russischen Hightechbranche voranzutreiben.

Große Pläne hat er. Tschemesow sucht sich, wenn nötig, große Investoren: So hat er mit Renault einen westlichen Partner samt einer Milliarde Dollar für den Lada-Hersteller Awtowas geworben, der seiner Leitung untersteht. Er plant eine Luftfahrtholding aus verschiedenen russischen Fluglinien, die Russlands Nummer eins, Aeroflot, Konkurrenz machen soll. Die meisten seiner anvisierten Geschäfte dringen aber nur durch Indiskretion an die Öffentlichkeit. Der frühere KGB-Mann gilt als ein Meister der Geheimhaltung.

Die Regierung ist der größte Akteur an der russischen Börse

Tschemesow verkörpert das Anwachsen des Staatsanteils an der Wirtschaft. Er gibt sich wie Putin als Anhänger eines starken Staates, der vieles besser reguliere als der Wettbewerb – vorgeblich zum Nutzen der Gesellschaft. Aber auch zur Freude derer, die Finanzströme kontrollieren und Ressourcenrenditen abschöpfen. "In Russland ist zwar kein Staatskapitalismus errichtet worden", sagt der Rektor der Moskauer Neuen Ökonomischen Schule, Sergej Gurijew. "Das wäre der Fall, wenn dem Staat alles gehörte. Aber wir müssen erkennen, dass die Regierung Putins es deutlich bevorzugt, die Hauptbranchen der Wirtschaft durch Staatsunternehmen zu kontrollieren."

So ist der Kreml inzwischen zum größten Akteur an der russischen Börse geworden. "Der Staatsanteil an der Börsenkapitalisierung betrug 30 bis 35 Prozent im Jahr 2006", sagt Angelika Henkel, Analystin bei der Alfa Bank. "2008 ist der Anteil auf bis zu 50 Prozent gestiegen." Als die Börsenkurse in den vergangenen Wochen in die Tiefe stürzten, trug das zur Staatskonzentration in der Wirtschaft noch bei: Die russische Regierung hat zur Stützung des Kapitalmarktes fast 14 Milliarden Euro bereitgestellt. Mit diesem Geld sollen die Staatsbanken Sberbank und Wneschtorgbank und andere Staatsbetriebe zusätzlich eigene Aktien auf dem freien Markt kaufen können. Die staatliche Entwicklungsbank schluckte die schwächelnde Swjasbank, die Nummer 20 unter Russlands Banken.