Ein Pappsarg kostet 250 Euro, in drei Minuten zusammenfaltbar, 200 Kilo hält er aus. Ein Mann legt sich hinein, probehalber, Deckel zu. "Ich könnt’s hier stundenlang aushalten", tönt es dumpf aus dem Karton, "aber nicht ewig." Oh Tod, wie komisch bist du… Am Lachen merkt man, wie hilflos wir dem Thema gegenüberstehen.

Von seiner Kultur des Sterbens, den Riten, dem Bewusstsein der Sterblichkeit hat das Abendland sich im Zuge der Arbeitsteilung getrennt. Ersetzt werden sie durch Websites wie www.preiswert-bestatten.de, und ein Requiem ist etwas, wofür man ins Konzert geht. Nun soll es in Berlins Komischer Oper wieder zum Ritual werden. Noch vorm ersten Ton von Mozarts Requiem werden wir als "liebe Trauergemeinde" begrüßt.

Die Rede des Herrn im Anzug entgleist dann umgehend, scheitert an ihren Floskeln, an Lücken im Manuskript, das er verzweifelt zerknüllt. Ein erheiternd gebrochener Start ins Thema.

Sebastian Baumgarten hat Mozarts letztes Werk inszeniert. Er ist keineswegs der Einzige und Erste, der sich als Regisseur mit Sakralmusik befasst – Andreas Homoki, Hausherr der Komischen Oper, realisierte selbst Verdis Requiem, Achim Freyers Schwetzinger h-Moll-Messe ist Legende, ähnlich Herbert Wernickes Actus tragicus in Basel. Doch all das blieb auf der Bühne. Baumgarten ist die Bühne zu klein. Er will ein Ritual, dem das Publikum sich nicht entziehen kann, ob es nun lacht oder erschrickt.

So springt nach der gescheiterten Rede der Tote aus dem Parkett auf die Bühne und erzählt, wie es wirklich war mit dem Krebs. Brechung war zu erwarten bei einem so diskursiv veranlagten Regisseur wie Baumgarten, Unmittelbarkeit weniger. Doch wenn jäh alle Menschen in den vorderen drei Reihen aufspringen, zum Saal gedreht, und "Requiem aeternam" rufen, wird Mozarts Musik tatsächlich aus der Rezeption ins Ritual gerissen und gewinnt Kraft, gerade gegenüber dem Trauerredner und mit dem Gestorbenen. Der Abend wird einen, so ahnt man, noch ganz schön erwischen können. Doch als habe der Regisseur das irgendwie auch befürchtet, beginnt er nun, sich hochvirtuos zu verzetteln. Wobei auf seinen Zetteln viel Wahres steht.

Szenische Texte von Armin Petras nämlich, die auf Gespräche mit unheilbar Kranken in Hospizen zurückgehen. Die ehemalige Sekretärin Anita wartet mit Stolz auf den Tod – die grandiose Irm Hermann spricht da mit emailliertem Lächeln als Ewiggestrige, die als "letztes Patenkind des Kaisers" auf dessen Wiederkunft hofft.

Flugs erscheint er mit Adlerhelm als verhuschter Superman vorm Fenster, tritt ein und tanzt mit ihr den Tango in den Tod. Um sich kurz darauf selbst als Todkranker zu entpuppen: "Ich hab Krebs und will Schadensersatz von Gott!", schreit er. Das erinnert ans Aufbegehren eines Christoph Schlingensief, der mit seiner Kirche der Angst seine Fassungslosigkeit über das eigene Lungenkarzinom zum Oratorium macht.