Der Fluch der Nervensägen

Oh! Aber ist die nicht ziemlich nervig? Dieser Satz ist ein Killer. Er tötet fast immer, und es lässt sich nur schätzen, in wie vielen Berufungskommissionen, Vorstandssitzungen und Parteigremien mit ihm schon verhindert wurde, dass eine Frau einen begehrten Posten bekam.

Nun ist es ja nicht so, dass wir in unserem Berufsleben nicht auch gelegentlich auf schwierige, launische, autoritäre oder teamunfähige Männer stießen, häufig sogar in Führungspositionen. Aber nervig sind die nicht. No, sir! Nervig ist als Attribut für Frauen reserviert – und wenn man auf den folgenen Seiten unsere Galerie von Frauen betrachtet, die allesamt schon dem öffentlichen Vorwurf ausgesetzt waren, anstrengend, schwierig, zickig, verbissen oder eben nervig zu sein, kann man auf den Gedanken kommen, dass überhaupt keine Frau in exponierter Stellung jemals normal, fähig und nett ist. (Naheliegenderweise finden sich unter den Stigmatisierten mehr Politikerinnen und Kulturschaffende als weibliche Wirtschaftsbosse, denn die gibt es kaum in Deutschland.)

Was verbirgt sich hinter dem abqualifizierenden kleinen Wort? Im Kern der Vorwurf, dem weiblichen Rollenbild nicht zu entsprechen. Das hat sich, trotz aller Emanzipationsgewinne, aller Bildungserfolge und Karriereleistungen der vergangenen Jahrzehnte, nicht wirklich verändert und wird auch von den meisten Frauen kaum infrage gestellt. Kein Wunder: Das vornehmlich von Männern verteilte Etikett "Nervensäge" ist auch eine Warnung an die anderen Frauen: Wenn ihr euch nicht rollenkonform verhaltet, habt ihr mit Missachtung zu rechnen! Die Mehrheit entscheidet sich in dieser Lage gegen Frauensolidarität.

Und die Männer? Was ist mit den modernen Männern, die sich jederzeit zur Sache der Gleichberechtigung bekennen würden? Sie zeigen die klassische "verbale Aufgeschlossenheit bei gleichzeitiger Verhaltensstarre", die der Soziologe Ulrich Beck beschreibt: Der Reflex – Etiketten aufkleben – ist im Zweifelsfall schneller da als jede Reflexion. Ganz abgesehen davon, dass viele Männer insgeheim natürlich froh sind, sich der neuen, stressigen Konkurrenz durch hoch qualifizierte Frauen mit einem Trick erwehren zu können.

Und so finden wir uns in einem kuriosen Widerspruch: Alle Zeichen der Frauen- und Familienpolitik stehen auf Förderung, "Karriere" wird von Frauen geradezu erwartet – aber die Mechanismen und Verhaltensweisen, die dafür zumindest in einem gewissen Umfang nötig sind (Ehrgeiz, Durchsetzungsfähigkeit, Härte, geistige Unabhängigkeit), verletzen den normativen Begriff von Weiblichkeit. Die emanzipatorische Hardware ist, wenn man so will, ständig modernisiert worden, die Software ist – von vorgestern.

Weiblichkeit bedeutet nämlich immer noch, im Sinne Simone de Beauvoirs, die Bezogenheit auf das männliche Geschlecht; bedeutet Schutzbedürftigkeit, Weichheit, Fürsorge; bedeutet sexuelle Konkurrenz der Frauen untereinander; bedeutet die Bereitschaft zur Arbeit am eigenen (schlanken! alterslosen!) Körper, der den Männern gefallen soll.

"Weiblichkeit erreicht man nur", schreibt die US-Publizistin Susan Brownmiller, "indem man Einschränkungen hinnimmt, seine eigene Meinung auf gewisse Themen beschränkt, sich für indirektes Vorgehen entscheidet, sich auf alle möglichen Dinge konzentriert und sich seinen Interessen nicht mit der Ausschließlichkeit widmet wie ein Mann sich seinen männlichen."

Der Fluch der Nervensägen

Jutta Ditfurth, die hoch intelligente, aber oft als "verbohrt", mitunter auch als "stalinistisch" gebrandmarkte Grünen-Frau der ersten Stunde, hat in einem Zeitungsgespräch einmal von einem Test zur Weiblichkeitserwartung berichtet, den sie gern mache: Er bestehe darin, ein männliches Gegenüber im Gespräch einfach nicht anzulächeln. Das löse regelmäßig große Irritationen aus – weil von Frauen ein konziliantes (unterwürfiges?) Lächeln erwartet wird. Ähnliches kann man erleben, wenn man durch eine vollgestopfte Fußgängerzone geht und Entgegenkommenden nicht ausweicht: Zu 99 Prozent kollidiert man dann mit Männern.

Nicht immer zu lächeln und nicht immer auszuweichen – das könnte, im wörtlichen wie im übertragenen Sinne, das Programm sein, mit dem sich unsere Beispielfrauen das Etikett nervig eingehandelt haben. Und darüber hinaus gibt es natürlich ein breites Repertoire von antiweiblichem Verhalten. Die Todsünde hat in dieser Hinsicht vermutlich Hillary Clinton begangen. Gerade männliche Kommentatoren und Charismatikerfans wollen uns jetzt weismachen, sie sei an ihrem begnadeten demokratischen Konkurrenten gescheitert, aber eine feministische Interpretation sieht anders aus: Hillary stand immer im Verdacht, mehr zu können, vielleicht auch mehr zu wollen als ihr Gatte; derart unweibliche Überlegenheit musste den Mann ja in die Arme nicht so anstrengender Praktikantinnen treiben.

Zu clever – dieser Eindruck ist schwer zu kompensieren. "Denn egal, wie klug und kompetent eine Frau ist", schreibt die Publizistin Alice Schwarzer, "eine jede kann liquidiert werden, indem man ihr die 'Weiblichkeit' und damit das Begehrtwerden abspricht." Schwarzer selbst steht gegenwärtig in der Kritik, weil sie offenbar ihr Lebensprojekt, die Zeitschrift Emma, schlecht loslassen kann – jeder Unternehmenspatriarch fände dafür Verständnis.

Anstrengend werden Frauen anscheinend auch durch die allzu ausschließliche Konzentration auf eine Sache, durch Besessenheit. Das scheint in besonderem Maße für Grünen-Frauen zuzutreffen: Jutta Ditfurth, Petra Kelly, Claudia Roth. Letztere sagte sogar einmal, ihr Engagement für die Partei sei der Grund dafür, dass sie keine Kinder und nicht immer eine Beziehung habe. Beängstigend!

"Ein Hang nach Macht, Status, Geld oder unsterblichem Ruhm liegt nicht im Bereich weiblicher Werte, ist in hohem Maße unbescheiden und widerspricht dem Traum von der großen Liebe", schreibt Susan Brownmiller. Nicht nur das: Die Intensität, die Prinzipientreue der Frauen ließ natürlich auch den Pragmatismus prominenter männlicher Realos ein wenig – gewissenlos aussehen. Wenn Frauen derart konsequent sind, versaut das Männern irgendwie die bella figura. Die englische Schriftstellerin Virginia Woolf schrieb, die Frau sei ein Spiegel, um das Bild des Mannes in doppelter Größe wiederzugeben. Und der Mann möchte in diesem Vergrößerungsspiegel nicht unbedingt seine eigenen Unzulänglichkeiten sehen.

Gerade wenn es um politische Konsequenz, Moral, Kompromisslosigkeit geht, sind links stehende Frauen stärker etikettierungsgefährdet als konservative – gehört doch zum Linkssein immer ein gewisses Pathos, das bei Männern als heroisch, bei Frauen als kitschig bis hysterisch gedeutet wird. So bilden eher rechts stehende vermeintliche Nervensägen wie die Demoskopin Elisabeth Noelle-Neumann oder die Allzweckintellektuelle Gertrud Höhler eine Minderheit der Schlechtbehandelten.

Es geht aber nicht nur um Haltung, es geht auch um Verhalten: Ausgesprochen negativ kommt es an, wenn Frauen zu viel und zu schnell reden wie etwa die Ex-Ministerpräsidentin Heide Simonis. Über die ehemalige stellvertretende DGB-Vorsitzende Ursula Engelen-Kefer sagte Franz Müntefering einmal, sie sei eine "mit Herz und Verstand – und mit Mund".

Der Fluch der Nervensägen

Einen doppelten Tabubruch begehen Schauspielerinnen wie Katja Riemann und Veronica Ferres, denen man in Bezug aufs Äußere die Weiblichkeit nicht absprechen würde: Aber beide neigen wohl dazu, Medienvertretern gegenüber stur zu sein und nicht alles mitzumachen. Und einem Mann, der auch noch Journalist ist, ein Interview zu verweigern, weil er, sagen wir: schlecht vorbereitet auftritt, das geht nun wirklich zu weit.

Besonders schlimmen Anfeindungen sah sich Andrea Nahles ausgesetzt, als sie 2006 gegen den Willen des Parteivorsitzenden Franz Müntefering als SPD-Generalsekretärin kandidierte – und der daraufhin wütend das Amt hinwarf. Am dicksten kam es von der Bild-Zeitung: Nahles stürze Deutschland in die Krise! Ein gemutmaßter Grund: Sie sei "unverheiratet" – ergo sexuell frustriert. Ein Klassiker des Weiblichkeitsterrors.

Interessant, dass Münteferings Trotzreaktion, die man durchaus für überzogen, geradezu hysterisch und damit fast für weiblich halten konnte, nie in dieser Weise thematisiert wurde. Für männliche Nervigkeit gibt es kein Wahrnehmungsraster, sie wird in Zielstrebigkeit umgedeutet. Da kann der Ex-BDI-Vorsitzende Hans-Olaf Henkel noch so stur seine wirtschaftsradikalen Thesen in Talkshows herunterleiern: keine Nervensäge – ein Kämpfer!

Und auch wenn der ehemalige bayerische Ministerpräsident Edmund Stoiber als Kanzlerkandidat womöglich vor allem an seinem Potenzial scheiterte, selbst den eigenen Parteifreunden auf die Nerven zu fallen, so war doch Penetranz nicht der meistgenannte Grund für die verlorene Bundestagswahl 2002. Ein exotischeres Beispiel: Frank Sinatra war eine Mimose, schon ein Schnupfen stürzte ihn in Verzweiflung – trotzdem bleibt er uns in Erinnerung als souveräner Bourbon-trinkender Superstar und Frauenheld, nicht als Heulsuse.

Andrea Nahles, die unverdrossen weitermacht, hat verstanden, dass es für Frauen einen Trost gibt: Wenn sie ganz oben sind, traut sich dann doch niemand, sie zu denunzieren. Oder hätte man je gehört, dass Angela Merkel nervig sei? No, sir! Sie ist machtbewusst.

Nervensägen? ZEIT-Autoren und ihre Plädoyers für 12 "anstrengende" Frauen