Sprechen wir mit Elvis und Sid Vicious nicht wie die Pygmäen mit den Ahnen?

Der begabte, fantasievolle, metiersichere Einzelne und seine Schöpfungen rücken ins Zentrum der musikalischen Entwicklungen. Der Kirche ist der Komponist zunächst verpflichtet, dann den Fürsten und schließlich nur noch seinem eigenen, freien Künstler-Ich. Vor dem leeren Papier mit den fünf Notenlinien sitzt er und will viel: Gottes Größe in Klang fassen und dem Lied nachlauschen, das in allen Dingen der Natur schläft; die Spielarten der Liebe in Tönen ergründen und dem Todesgedanken Ausdruck verleihen; mit Musik an das Humane im Menschen appellieren und manchmal auch nur beweisen, dass er der größte Könner seines Fachs ist. Er träumt im Gesamtkunstwerk von einer Fusion aller Künste oder zieht sich zurück auf das abstrakte Spiel tönend bewegter Formen. Er verleiht der Rebellion der Jugend eine Stimme oder legt das Notenpapier beiseite, um nur noch den spontan improvisierten, musikalischen Augenblick zu leben. Schon steht die lange Ahnengalerie der Großmusiker vor uns: Perotin, de Machaut, Josquin, Monteverdi, Schütz, Händel, Bach, Haydn, Mozart, Beethoven, Schubert, Brahms, Wagner, Mahler, Strawinsky, Schönberg, Cage, Monk, Coltrane, Miles Davis, Dylan, Elvis, Lennon, Sid Vicious, Prince und all die anderen. Sprechen wir mit ihnen nicht ganz ähnlich wie die Pygmäen mit ihren toten Vorvätern, indem wir sie immer wieder aufführen, sie unentwegt hören und uns auf sie beziehen, zurückblickend, die Gegenwart vergessend?

So eine Liste der Giganten und Genies lässt sich leicht als eindrucksvolle Bestätigung der These lesen, dass wahre Kunstgröße nur in der westlichen Musik wurzelt. Wir sind es, die Bach, Mozart und Beethoven hervorgebracht haben. Unsere Musikkultur ist die am höchsten stehende, am weitesten entwickelte, erhabenste, kreativste. Sie besitzt – unterfüttert durch die Massenwirksamkeit des Pop – ihre Vormachtstellung in der Welt zu Recht.

Welch ein Irrtum! Dass der Globus auch jenseits der Musikzentren von Wien, Paris, Berlin und Venedig reich ist an musikalischen Hochkulturen, ist im Verlauf des 20. Jahrhunderts erst langsam ins westliche Bewusstsein der Musikinteressierten vorgedrungen. Indische, arabische, indonesische, chinesische, japanische oder südamerikanische Musik stehen auf ihre ganz eigene Weise der westlichen Musik an Kunstfertigkeit und Traditionstiefe nicht nach.

Und keiner soll behaupten, dass die Gesänge der Batwa nur ein faszinierend primitives Relikt aus der Steinzeit sind. Als die ersten Ethnologen von ihren Afrikaexpeditionen mit Feldaufnahmen nach Hause kamen, haben sie sich die Zähne daran ausgebissen, die Rhythmen der aufgenommenen Musik in westliche Notenschrift zu übertragen. Die Gesänge der Aka-Pygmäen etwa, die im Kongo-becken leben, sind polyphon geschichtet und in ihrer rhythmischen Kontrapunktik so verquer verzahnt, dass der Pariser Musikethnologe Simha Arom sie mit den Werken aus der Blütezeit der frankoflämischen Mehrstimmigkeit im Europa des 14. und 15. Jahrhunderts auf eine Stufe stellt. "Und in der Polyrhythmie", sagt Arom, "scheinen die Pygmäen einen Grad an Differenziertheit und Komplexität zu beherrschen, den keine andere Kultur erreicht hat." György Ligeti, der ungarische Komponist aus dem 20. Jahrhundert, dem Rhythmuskonstruktionen nicht anspruchsvoll genug sein konnten, hat sich von der Pygmäenmusik südlich der Sahara inspirieren lassen. Im Kreis der großartigen Musiker dürfen die von der Welt vergessenen Batwa nicht fehlen.

"Weißer Mann", hatte der alte Sänger in Kisoro zu Beginn seines Vortrags gerufen, "ich habe keine Schule besucht. Ich spreche kein Englisch, und meine Sprache wirst du nicht verstehen. Trotzdem will ich für dich singen." Dann hatte er sich seiner Fiedel zugewandt und sie gefragt: "Wollen wir ihn willkommen heißen?" Mit einem zögerlich geschnarrten Ton hatte sie geantwortet: "é" – das heißt Ja. Das war eine gute Nachricht.

Mehr zum Thema:

Hans Heinrich Eggebrecht: Musik im Abendland
Piper TB 1991; 838 S., 19,90 €

György Ligeti/Steve Reich: African Rhythms
Pierre-Laurent Aimard (Klavier); Aka-Pygmäen;
1 CD, Warner 8573 86584

Claudio Monteverdi: L’Orfeo
Lawrence Dale, Jennifer Larmore u. a.;
Concerto Vocale; Ltg: René Jacobs;
2 CDs harmonia mundi HMC901553.54