Keine Bange, es wird vorläufig keine im Wortsinn Große Koalition mehr geben im harmoniesüchtigen Österreich. Auch nicht, nachdem der vermeintliche Wahlsieger Werner Faymann nun überraschend schnell von einer in tiefe Depression gefallenen ÖVP mit seinem Wunschpartner Josef Pröll, den er ja schon als Regierungskoordinator schätzen gelernt hat, beschenkt wurde. Denn die Restmasse an Wählern, die den beiden ehemaligen Volksparteien von ihrer früheren Zweidrittelmehrheit noch verblieben ist, reicht bei Weitem nicht aus, dass die nun absehbare Koalition der beiden Wahlverlierer diesen Name noch verdiente. Besser würde zu ihr die Bezeichnung Notverband passen.

Natürlich werden die künftigen Partner versuchen, sich ihren Verzweiflungspakt als staatspolitische Notwendigkeit schönzureden, und vielleicht werden sie sogar das Kunststück zuwege bringen, darin den Wählerwillen zu erspähen. Sie werden vermutlich davon sprechen, sich ins Unvermeidliche zu fügen. Schließlich dürfe man das Land doch nicht den Populisten überlassen. Und wer, außer den Betroffenen selbst und einer Handvoll gallbitterer Zyniker, wollte ihnen da widersprechen. Auf den trotzigen Schlachtruf "Es reicht!" des glücklosen Wilhelm Molterer folgt der Stoßseufzer "Es muss sein!" seines Nachfolgers Pröll, der bislang ein glückliches Händchen bewiesen hat. Das letzte Wort gehört aber dem neuen Herrn im Kanzleramt, und es ist ein Versprechen, das so verführerisch und duftend wie ein Hochzeitsbouquet mit roten Rosen ist: "Jetzt wird alles gut!" Welch ein dramaturgischer Spannungsbogen im Libretto dieser Staatsoperette.

Die beiden früheren Volksparteien sind inhaltlich ausgeblutet

Nach diesem wahrhaft ergreifenden Finale fällt aber nicht etwa der Vorhang, und das Publikum darf die zwei an der Regierungsspitze im vielleicht sogar immerwährenden Honeymoon vermuten. Das Stück wird vielmehr fortgesetzt. Doch für diese lose Folge an Dramoletten stehen die entsprechenden Textpassagen noch aus. Fast zwangsläufig werden sowohl Sozialdemokraten als auch Konservative schon eines nahen Tages wieder in ihr altes Spiel verfallen. Nicht weil sie unverbesserlich oder nicht lernfähig wären, sondern weil sie gar nicht anders können.

Beide Parteien sind inhaltlich ausgeblutet. Beider Strukturen sind einsturzgefährdet. Beide sind zwei zu seelenlosen Zweckbündnissen geschrumpelte Dörrobstparteien geworden, die sich lediglich jenen Partikularinteressen verpflichtet fühlen, von denen sie sich in ihrer Existenz abhängig gemacht haben. Längst haben sie aufgehört, politische Parteien zu sein, die Ideen, geschweige denn eine bestimmte Vorstellung von einem erstrebenswerten gesellschaftlichen Gesamtzustand eint. Sie haben zugelassen, dass sie zu reinen Verteilungsagenturen für die finanziellen Ressourcen des Staates reduziert wurden. Das war einerseits der bequemste Weg, der sie vor mühseligen und lästigen Debatten bewahrte. Andererseits sichert nichts so sehr die Gefolgschaft der Interessenverbände und Privilegienritter wie deren üppige Alimentation. Und an lautstarken Wortführern hat es denen nie gemangelt, wenn sie witterten, wo es etwas zu holen gab. Daran mangelt es bis heute nicht.

Dieses System funktionierte auch zufriedenstellend, so lange die Statik des Wohlstandsgefüges, das man einander abgerungen hatte, nicht allzu großen, neuen Belastungen ausgesetzt war. Die Zeiten eines seligen Inseldaseins des zum tu felix verdammten Austria sind aber längst Vergangenheit. Mittlerweile verlangt der Druck, den die demografische Entwicklung, Migration, Globalisierung und all die anderen Plagen der modernen Welt mit sich gebracht haben, dringend nach neuen konstruktiven Ideen. Sonst kracht dieses Traumhaus einer sozialen Idylle ziemlich erbarmungslos in sich zusammen.

Populisten wissen immer und oft verblüffend schnell Antworten, wenn es irgendwo im Gebälk unüberhörbar und bedrohlich ächzt. Diese Antworten sind stets simpel, fast immer falsch und vor allem garantiert realitätsfern. Sie bestehen im Grunde genommen aus der Annahme, eine moderne Gesellschaft könne die Dinge des Lebens so regeln, wie sie vielleicht einmal in grauer Vorzeit in beschaulichen Provinzdörfern geregelt wurden, wo die Welt am Waldrand endet. Dass Populisten solch trügerische Illusionen vorgaukeln, ist nicht weiter verwunderlich. Es ist ihr Geschäftsmodell.