DIE ZEIT: Sie sind schwer zu finden?

Muhammad Sven Kalisch: Warum?

ZEIT: Es hängt kein Schild unten an der Tür.

Kalisch: Das Institutsschild haben wir aus Sicherheitsgründen abmontiert.

ZEIT: Haben Sie Drohungen erhalten?

Kalisch: Es gibt keine konkreten Drohungen, aber den indirekten Vorwurf, ich sei vom Glauben abgefallen. Ausländische Zeitungen haben mich Sven Kalisch statt Muhammad Kalisch genannt und damit suggeriert, ich sei kein Muslim mehr. Das Vergehen der Apostasie wird nach traditioneller islamischer Auffassung mit dem Tod bestraft. Da gilt es, vorsichtig zu sein.

ZEIT: Wäre es nicht tatsächlich konsequent, den Namen Muhammad abzulegen?

Kalisch: Warum?

ZEIT: Als Sie mit 15 Jahren Muslim geworden sind, haben Sie sich wie alle Konvertiten einen islamischen Namen gegeben. Sie wählten Muhammad, als Reverenz an den Propheten. Jetzt bezweifeln Sie dessen historische Existenz. Ein Vorbild kann er also nicht mehr sein.

Kalisch: Meine exakte Position ist: Es kann weder die Existenz noch die Nichtexistenz von Mohammed bewiesen werden, ich tendiere jedoch zur Nichtexistenz.

ZEIT: Aus muslimischer Sicht ist dieser Zweifel ein schweres Sakrileg. Schließlich ist der Prophet für die Muslime derjenige, der Gottes Wort empfangen und den Menschen überbracht hat.

Kalisch: Mohammed war immer eine Projektionsfläche. Schauen Sie sich nur das Mohammed-Bild der liberalen Muslime im Vergleich zu dem der radikalen Islamisten an. In Wirklichkeit geht es nicht um historische Wahrheit, sondern um eine theologische Fiktion. Daher ist auch der Islam ohne historischen Mohammed nicht am Ende.

ZEIT: Es wäre jedoch ein radikaler Bruch mit der bisherigen Lehre.