Die Insulaner hatten uns gewarnt. Der Wein, den sie da oben in den Bergen tränken, mache verrückt, hatten sie gesagt. Tatsächlich. Saßen wir nicht eben noch am Strand einer Tropeninsel, schwebten im Wasser, umgeben von neonfarbenen Korallenfischen? Waren da nicht die Kokospalmen und dahinter der Indische Ozean? Nun, urplötzlich, wie es scheint, finden wir uns im Hochgebirge wieder, ringsum gewaltige Felsmassive, deren schroffe Spitzen in den Wolken verschwinden, am Himmel über La Réunion. Mehr als 400 Kurven führen vom Ozean bis hoch zum Krater von Cilaos. Wer die Serpentinenstraße überstanden hat, dem schwirrt bei seiner Ankunft dermaßen der Kopf, als habe er die Weinprobe schon hinter sich.

In seinem Weinkeller, unter einem kreolischen Häuschen gelegen, schnippelt Pierre Dijoux an einer Schinkenkeule. Seinen jüngsten Jahrgang präsentiert der Winzer auf großen Holzfässern. Unter zwei Rundbögen stapeln sich Weinkisten und eingestaubte Flaschen. Kaum zu glauben, dass dieser Ort zehn Flugstunden von Frankreich entfernt ist. Auch Monsieur Dijoux selbst, der schon wieder nachschenkt, wirkt mit seiner gedrungenen Statur, der großen Nase und seinem bodenständigen Charme entschieden gallisch.

Einen Vollblutinsulaner hätte man sich anders vorgestellt. Aber die Ureinwohner von La Réunion waren französische Siedler. Sie ließen sich im 17. Jahrhundert als Erste auf der Insel nieder, die heute als Überseedepartement zu Frankreich gehört. Mittlerweile mischt sich in den meisten Gesichtern das Erbe der Siedler mit dem ostafrikanischer Sklaven, chinesischer Händler und tamilischer Arbeiter, die als Helfer bei der Zuckerrohrernte kamen. Aber die Bewohner von Cilaos halten umso stolzer an der französischen Lebensart fest.

Emsig stellt Dijoux eine Flasche nach der anderen auf einen großen Holztisch und schenkt im Handumdrehen erneut die Gläser nach. Und erzählt von alten Zeiten, als La Réunion noch auf mancher Weltkarte fehlte. Seine Vorfahren kamen 1700 aus Savoyen auf das Vulkaneiland zwischen Mauritius und Madagaskar. Sie waren die ersten Grundbesitzer im Bergkessel von Cilaos, dessen wilde Felslandschaft sie an ihre alpenländische Heimat erinnerte. Nur der Wein, der hier degustiert wird, hat Exotenstatus, "ein echter Kreole", sagt Pierre Dijoux.

Cilaos birgt eines der entlegensten Weinbaugebiete der Welt. In ihrem Krater hegen die Insulaner eine ganz besondere Rebsorte: Isabelle – eine Traube, die, so heißt es, allen Krankheiten widersteht. Gekeltert wird oft mit einfachsten Mitteln. Er selbst, erzählt Dijoux, habe schon im Alter von zehn Jahren seinen ersten Wein abgefüllt, "in eine Perrier-Flasche. Und weil ich keinen Korken hatte, stopfte ich einen Maiskolben rein." Daran allein lag es wohl nicht, dass die französische Regierung 1975 den Export des Inselweins ins Mutterland verbot. Eher schon an einem Inhaltsstoff, dem er seinen Beinamen verdankt: le vin qui rend fou – der Wein, der verrückt macht. Er enthält bedenklich viel Methanol, das bei Dauergenuss das Nervensystem schädigen kann.

Etwa 150 nebenberufliche Weinproduzenten gibt es in Cilaos. Was sie nicht selbst trinken, verscherbeln sie am Straßenrand oder beim alljährlichen Weinfest an neugierige Touristen, zusammen mit Ananas, Linsen und weiteren zweifelhaften Kreationen wie Orangen- und Mispelwein. Egal mit welcher Spielart man seine Verkostung beginnt, die Zunge klebt schon nach dem ersten Schluck am Gaumen. Die klassische Isabelle ist noch süßer und schwerer als Portwein, was daran liegen mag, dass die Réunionesen ihr gelegentlich Rohrzucker einflößen. "Das erhitzt das Gemüt", sagt Dijoux. Nach dem zweiten Glas fühlen sich die Lippen so benommen an, als habe man sie in Sirup getränkt. Wer danach tatsächlich noch ein drittes Glas haben möchte, kommt schnell in die Stimmung, mit den Kesselbewohnern zum Sega zu schreiten – einem wilden Tanz, den man andernorts wohl gleich zusammen mit dem Wein verböte.

Die Cilaosiens sind geschäftstüchtig und fleißig, sagen die Leute unten am Meer. Und wenn sie feiern, dann mit Hingabe. Was allerdings auch darauf hinauslaufen kann, dass das Fest mit einer Schlägerei endet.