Der Klassenfeind aus West-Berlin kommt auf Stöckelschuhen und mit wippendem Hinterteil, die blonde Lockenmähne betört selbst Ost-Berliner Grenzbeamte. Glotzend lassen sie die Schöne mit der Schmuggelware im Gepäck passieren. Glotzend sitzt auch ihr Kontaktmann auf der verabredeten Parkbank, wo bisher nur männliche Kuriere aufkreuzten. Sie schmuggelt Batterien für eine Kamera, mit der er heimlich Montagsdemos filmt, um die Kassetten einem Fernsehsender jenseits der Grenze zuzuspielen. Es ist der Albtraum der Stasi-Majore. Es ist eine Schlüsselszene aus dem neuesten Mauerfallfilm, der uns jene fast vergessenen Monate vergegenwärtigt, als Wessis und Ossis einander revolutionsromantisch in die Arme fielen.

Die Blonde: Wollen wir noch einen Cocktail trinken? Der Schnurrbärtige: Gibt es hier nicht. Sie: Dann ein Glas Wein? Er: Gibt es auch nicht. Sie (ehrlich entsetzt): Wie haltet ihr es hier aus? Er (anzüglich grinsend): Wir ziehen uns ins Private zurück!

Am privatesten ist es natürlich im Bett, wo das Paar denn auch ohne Federlesen landet – eine eindeutig zweideutige Anspielung auf die Agonie der späten DDR. Während das greise Politbüro sich an den Sozialismus klammerte, waren viele Junge innerlich ausgereist, lebten von Luft und Liebe.

Wir sind das Volk heißt das Fernsehdrama, das die Ereignisse zwischen Juli und November 1989 mit Pathos und Ironie erzählt (6. und 7. Oktober, 20.15 Uhr auf Sat.1) – und der Nation vier Stunden tragikomische Medizin gegen den Wiedervereinigungskater verabreicht. Die Drehbuchautorin Silke Zertz und der Regisseur Thomas Berger feiern kleine Leute als gesamtdeutsche Helden und lachen über die traurigen Jubiläumsstatistiken, die jeden Herbst die aktuelle Zahl der Mauerbefürworter kundtun. Letztes Jahr waren es angeblich 20 Prozent der Deutschen.

Warum ist die Revolutionsromantik verflogen? Brauchten wir die Mauer, um einander interessant zu finden? Die kleine Bettszene enthält ein Klischee und eine Wahrheit. Das Klischee: dass die Bewohner der Diktatur ihr Fernweh durch dauernde Amouren kompensierten. Die Wahrheit: dass Westbesuch mehr als Besuch war. Westschokolade schmeckte nach Grenzüberschreitung, Westseife roch nach Wiedervereinigung, selbst für diejenigen Beschenkten, die keineswegs rüberwollten. "Der Westen war in der DDR nicht einfach eine Himmelsrichtung", schreibt der Historiker Stefan Wolle, sondern "Projektionsfolie aller Bedrohungsängste, Hoffnungen und Sehnsüchte. Vom Anfang bis zum Ende der DDR gehörte die ständige Präsenz westlicher Medien zu den mentalitätsgeschichtlichen Grundlagen des Staates." Eine Mentalität aber legt man nicht ab wie ein Parteiabzeichen.

Wir sind das Volk ist der erste Spielfilm, der die Rolle der Westmedien während der Wende ausführlich thematisiert. Eine der Hauptfiguren ist ein geflohener Ostdeutscher, nun Redakteur beim Fernsehen, wo er die Kollegen hartnäckig mit Berichten aus der verlorenen Heimat nervt. Man müsse Honecker unter Druck setzen, die Bürgerrechtler unterstützen, das neueste Dissidentenmaterial senden. Der Chef gibt jedes Mal nach, aber sein Blick sagt, dass er an Revolution nicht glaubt, nur an die Gier nach Bananen und die Unabänderlichkeit der Verhältnisse.

Am Ende behalten beide recht, der Pessimist und der Idealist. Aber vorher bleibt noch viel zu filmen für unseren Ost-Berliner Schnurrbartmann: murrende Republikgeburtstagsgäste auf dem Alexanderplatz und prügelwütige Polizisten vor der Gethsemanekirche, Bürgerfriedfertigkeit und Staatswillkür. Die Aufnahmen vor den Häschern des MfS in Sicherheit zu bringen ist ein Katz-und-Maus-Spiel. Dass die Verfolgungsjagden durch Prenzlberger Hinterhöfe, über scheppernde Mülltonnen und Autodächer nicht billige Action bleiben, liegt an den zwei wunderbaren Schauspielern Matthias Koeberlin und Ronald Zehrfeld. Sie spielen authentisch – nach dem Vorbild zweier echter Amateurfilmer – die junge Generation, die der sozialistischen Lügen überdrüssig war. Sie hatte keine Mehrheit hinter sich, sie muckte auf, obwohl sie die Gefahr einer chinesischen Lösung sah. Am 9. Oktober rollen also die beiden Helden in einem geborgten Trabant in die Heldenstadt Leipzig. Auf der Autobahn überholen sie eine endlose Kolonne armeegrüner Einsatzfahrzeuge. Da hört die Romantik auf und die brutale Wahrheit der "friedlichen Revolution" rückt ins Bild: dass Anfang Oktober keiner wusste, wie das alles endet.