Fatima Khan (Name geändert) ist eine Inderin muslimischen Glaubens. Ihr Vater ist ein wohlhabender Diplomat. Mit 18 Jahren kam sie in die USA, um zu studieren. Danach arbeitete sie als Journalistin. Ein paar Monate nach den Anschlägen auf das World Trade Center reiste sie mit der Bahn an der Ostküste entlang, als der Zug an einem Bahnhof unplanmäßig hielt. Zwei Bundespolizisten zerrten die junge, dunkelhäutige Ausländerin, deren Name auf eine lange Liste von Terrorverdächtigen geraten war, aus dem Zug, verhörten sie rüde und setzten sie für einen Teil der Nacht am Bahnhof fest. Dann durfte sie gehen, ohne dass man sich entschuldigte. Ein paar Monate später verließ Fatima Khan ihre Wahlheimat, in der sie nicht mehr leben und arbeiten möchte.

Die USA verlieren Kapital. Im Kleinen, wenn Spitzenkräfte das Land verlassen. Und im Großen, wenn die Welt Amerika nicht mehr folgt. "Eine Supermacht ist ein Land, das dominanten Einfluss überall auf der Welt ausüben kann", sagt die amerikanische Expertin für nationale Sicherheit, Alice Lyman Miller, und meint natürlich ihr Heimatland, das den Globus für Jahrzehnte nicht bloß mit Flugzeugträgern und CIA-Agenten, mit Diplomaten und der Attraktivität seines Freiheitsideals beherrschte, sondern auch mit seinem Finanzsystem. In dieser Krise stellen die Chinesen nun sogar die Frage, ob die Supermacht zu Hause noch herrscht.

Und das kam so: China hat Währungsreserven von umgerechnet rund 1,2 Billionen Euro, zumeist in Dollar. Macht über Amerika sei damit nicht verbunden, sagten US-Politiker lange. Denn wenn China seine Dollars verkaufen würde, leide es selbst am meisten, weil dann der Kurs abstürzen und China seinen wichtigsten Handelspartner verlieren würde. In den vergangenen Wochen hat Peking bewiesen, dass das nicht stimmt. Die Machthaber dort fanden, dass Washington für die Milliardenkredite, die die Chinesen den zwei größten und vom Bankrott bedrohten US-Hypothekenbanken gewährt hatten, geradestehen sollten. Als die USA trotz der Drohungen nichts unternahmen, reduzierte Peking Woche um Woche seine Dollar-Kredite – bis die Regierung des mächtigsten Landes der Erde die beiden Banken in einer 200 Milliarden Dollar teuren Aktion retten musste.

Die Finanzkrise verwandelt das Unbehagen vieler Regierungen gegenüber Amerika in Wut und Hohn. Ein Staatschef nach dem anderen distanzierte sich in der vergangenen Woche bei den Vereinten Nationen von den USA. Aufgebaut hat sich die Opposition allerdings schon zu einer Zeit, als die US-Wirtschaft scheinbar endlos wuchs und ihre Produktivität der europäischen davonlief.

Schon lange haben sich die Staatschefs des Südens beispielsweise darüber geärgert, dass ihnen der Internationale Währungsfonds die Finanzpolitik diktiert. Im Fonds haben die USA einen riesigen Stimmrechtsanteil, und dort geschieht so gut wie nichts gegen ihre Interessen. Vor wenigen Jahren sah der venezolanische Präsident Hugo Chávez bereits die Gelegenheit gekommen, wenigstens die Nachbarländer auf seine Seite zu ziehen. Mit vielen Ölmilliarden im Rücken übernahm sein Land die Rolle des Fonds, versorgte die Region mit Krediten und brachte die Idee einer eigenen Bank des Südens voran. Heute haben die USA einen großen Teil ihres wirtschaftspolitischen Einflusses in Lateinamerika eingebüßt, in Südasien ergeht es ihnen nicht anders.

Lange schon beansprucht die Supermacht mehr Gewicht in der globalen Ökonomie, als es ihrer Wirtschaftsleistung von immerhin 14 Billionen Dollar oder rund einem Viertel des Weltsozialprodukts entspricht. Ihre Standards im Finanzwesen und im Handel sollen überall gelten, und wenn jemand sie mal außer Kraft setzt, dann vorzugsweise sie selbst. Die stärkste Säule für die überproportionale Macht ist die Weltwährung Dollar, die es den USA erlaubt, in der eigenen Währung beim Rest der Welt zu bezahlen und sich bei ihr zu verschulden. Das Währungsrisiko liegt also bei den anderen.

Doch der Dollar ist nicht mehr die einzige Superwährung auf dem Planeten. Mit dem Euro haben die Europäer einen erfolgreichen Wettbewerber geschaffen, der das US-Währungsmonopol langsam bricht. Der Euro ist eine Alternative für Chinesen, Japaner und andere Großgläubiger Amerikas und macht ihre Drohungen, Geld abzuziehen, glaubhafter, als sie früher gewesen wären.