And the winner is…? Niemand. Nach dem ersten Duell McCain – Obama votierte je ein Drittel der Befragten für den Republikaner und für den Demokraten – und ein Drittel für "Ich weiß nicht". Wer allerdings bis zum Siegessäulen-Happening im Juli zurückdenkt, dem stellt sich nach der Debatte eine ganz andere Frage: Was ist aus dem alten Obama, nennen wir ihn Obama I, geworden? Jener Mischung aus Wunderheiler und Rockstar, der die Seelen von Berkeley bis Berlin bezauberte und sich selbst bescheinigte, kein gewöhnlicher Mensch mehr zu sein: "Ich bin zum Symbol geworden."

In der Tat war Obama I eine Projektionsfläche, eine Leinwand, auf die man seine schönsten Träume pinseln und dazu ein Stoßgebet murmeln konnte: "Erlöse uns von dem Übel George W. Bush." ObamaI war hope and change , dessen Phrasen gerade wegen ihrer Banalität in den Bann schlugen – wie: "Wir sind die Leute, auf die wir gewartet haben." Waren wir nicht schon immer da?

Obama I wohnt hier nicht mehr. Obama II ist immer noch cool im Auftritt und elegant im Gestus, aber in der Debatte gab er nicht mehr den Heiler und Heiligen. Verschwunden war das allzu Siegesgewisse aus seinem Blick, er agierte nachdenklich und respektvoll. Achtmal bescheinigte er McCain, dass er "absolut recht" habe. Obama I war Endstation Sehnsucht , Obama II ist die real existierende Politik. Was er denn von dem 700-Milliarden-Rettungsprogramm halte? Da wand er sich wie McCain; keiner wollte sich festlegen, solange das Paket nicht geschnürt war, die Heerscharen dafür und dagegen nicht gezählt waren. Merkel und Steinmeier hätten nicht anders laviert.

Auf der Bühne wurden keine Träume gehandelt, sondern Warenkörbe ausgepackt – der eine stand etwas weiter rechts, der andere Mitte-links. Runter mit dem Haushaltsdefizit, donnerte McCain. Steuerentlastung für die Mittelschicht, konterte Obama. Im Namen der Versorgungssicherheit will McCain Atomenergie und "clean coal"; Obama auch, aber dazu reichlich Geld für Erneuerbares. Selbst in der Außenpolitik ging es nicht um Träume, sondern um Taktik. McCain will bis zum Sieg im Irak bleiben, Obama will in 16 Monaten mit dem Abzug beginnen. Beide wollen in Afghanistan die Taliban bezwingen; erstaunlicherweise überholte Obama den Rivalen rechts, indem er Schläge gegen Stützpunkte in Pakistan guthieß. Ein Pazifist ist er gewiss nicht.

Ein hundertfach benutztes Motiv zeigt ObamaI im Gegenlicht, als wär’s ein Heiligenschein. Den trägt Obama II nicht mehr. Die Wahl ist nicht mehr zwischen Macho und Messias, sondern zwischen zwei Männern, die im Vorwahlkampf den rechten/linken Flügel bedient haben und nun regelgerecht in die Mitte drängen – wo vernünftige Politik auch hingehört. Nur Ideologen und Verführer verhökern Visionen.

Obama II hat sich entzaubert. Wenn er denn am 4. November die ganz große Debatte gewinnt, dann just deswegen. Der Prophet ist dem halb linken Pragmatiker gewichen, die Projektionsfläche zeigt plötzlich Profil. Obama II ist nicht mehr die Reise ins Ungefähre, sondern das Neue, das kalkulierbar erscheint. In diesem Sinne hat er die Debatte doch gewonnen.