Freiheit oder Sozialismus? Freiheit durch Sozialismus! Das war sein Credo. Das war sein Verlangen. Manchem mag es nach den Erfahrungen des 20. Jahrhunderts naiv erscheinen, abwegig gar, er jedenfalls meinte, was er sagte. Wilhelm Weitling, vor 200 Jahren, im Oktober 1808, in Magdeburg geboren, gehört zu den ersten deutschen Sozialisten, zu den Gründervätern der Arbeiterbewegung und den Freiheitskämpfern von 1848. Und gewiss lohnt es sich in Zeiten, da auch dem begeistertsten Liberalen der Kapitalismus so freiheitlich und beglückend, so alternativlos nicht mehr erscheint, sich Weitlings und seiner Ideen zu erinnern.

Er war das uneheliche Kind einer Hausgehilfin und eines Offiziers der französischen Garnison. Der Vater zog mit der Grande Armée 1812 nach Russland und kehrte nie zurück. Die Mutter ermöglicht dem Jungen den Besuch der Mittelschule, er erlernt das Schneiderhandwerk. Von 1826 an durchwandert der Geselle das politisch zerrissene, schläfrige Deutschland und halb Europa. Das freiere, liberale Klima Westeuropas schärft seinen Blick für das Rückständige der heimischen Zustände, wo niemand ungestraft an der gottgewollten Ordnung rüttelt.

1835 kommt er erstmals in das von sozialen und politischen Kämpfen erschütterte Paris und gewahrt hier rasch die Grenzen liberaler Freiheiten. In fünf Jahren hat das korrupte Bürgerkönigtum die Hoffnungen der Julirevolutionäre restlos verschlissen. Von den 1830 eroberten Rechten profitieren Grundeigentümer und Finanzbarone. Den Sachwaltern dieser Geldaristokratie gehören die gesetzgebende Macht in den Kammern und Ministersessel in der Exekutive. In Lyon flammen Hungerrevolten auf, 1831 und 1834, brutal werden sie niedergetreten. Bei Weitlings Ankunft in Paris stehen 121 Republikaner vor Gericht, die sich der Unterdrückung demokratischer Rechte widersetzt und die Verzweifelten in Lyon unterstützt haben.

Im republikanischen Bund der Geächteten findet der Deutsche, der sich früh als Republikaner versteht, seine politischen Lehrer, in Werkstätten und französischen Berufsverbänden Sozialisten, die bereits gegen jenen bürgerlichen Staat rebellieren, den deutsche Oppositionelle für ein vereinigtes Deutschland erstreben. Die konstitutionelle Julimonarchie bemisst das Wahlrecht nach der Höhe der Steuer und gewährt Besitzenden Rechte, die sie Besitzlosen verweigert. Weitling erkennt: Weder in konstitutionellen Monarchien noch in republikanisch verfassten Ländern lindern politische Freiheiten das Elend der Arbeiter. Nirgends verschaffen sie denen, "die von ihrer Hände Arbeit leben", Einfluss; überall sind "die Reichsten und Mächtigsten" in der Regierung.

Das "freie Spiel der Kräfte" entfesselt den Kampf aller gegen alle

Den proletarischen Mitgliedern missfällt die hierarchische Struktur ihres Geächteten-Bundes. Die meisten treten aus und gründen 1836 eine neue Vereinigung, den Bund der Gerechtigkeit, mit gewählten, rechenschaftspflichtigen Leitern. Sie bekennen sich zu den Ideen des französischen Jakobiners Gracchus Babeuf (1760 bis 1797) und seinem gemeinwirtschaftlichen Konzept. Es verlangt, dass alle über den natürlichen und industriellen Reichtum der Gesellschaft verfügen und sich "die gesamten Lasten, Mühen, Freuden und Genüsse teilen, d. h. in Gemeinschaft leben" und arbeiten.

1838 geben sich die Mitglieder ein neues Programm, Weitling hat es formuliert. Es trägt den schönen Titel Die Menschheit, wie sie ist und wie sie sein sollte. Anders als man gewöhnlich liest, bewahrt und erweitert es die demokratischen Forderungen und sucht sie durch Aufhebung des Erbrechts und eine auf Gemeineigentum gegründete Wirtschaftsordnung ökonomisch abzusichern. Es verlangt eine vom Mehrheitsvotum legitimierte Verfassung, aus allgemeinen Wahlen hervorgehende verantwortliche und absetzbare Behörden, Vereins-, Meinungs-, Rede- und Pressefreiheit, öffentliche Gerichtsverhandlungen sowie eine Strafrechtsreform samt Abschaffung der Todesstrafe. Jeder soll eine Ausbildung erhalten, kein im Volke schlummerndes Talent darf verloren gehen. Darüber hinaus verlangt das Programm erstmals die verfassungsrechtliche Gleichstellung der Frau in allen Bereichen des gesellschaftlichen und politischen Lebens.