Möchten Sie wissen, wie viele Taliban es gibt? Einer UN-Schätzung aus dem Jahre 2007 zufolge sind es rund 3000 aktiv kämpfende und weitere 7000 Gelegenheitskrieger. Nicht wirklich viele. Trotzdem herrscht die Meinung vor, dass die Taliban das mächtigste Militärbündnis der Welt, die Nato, besiegen, Kabul erobern und eine Bedrohung für die Welt werden könnten. 10.000 Kämpfer, die weder über Panzer noch Artillerie, noch Flugzeuge verfügen. Nun ja, sagen die Analysten, das sei nun einmal das Wesen der asymmetrischen Kriegsführung, dass ein weit unterlegener Feind einem unvergleichlich Überlegenen eine krachende Niederlage zufügen kann. Möglich ist das nur, wenn der Überlegene in der einheimischen Bevölkerung kein Vertrauen genießt und es ihm nicht gelingt, den eigenen Leuten die Mission zu vermitteln.

Beginnen wir mit den Zahlen. Seit 2001 haben die USA 127 Milliarden Dollar für den Krieg in Afghanistan ausgegeben. Zurzeit pumpt das Pentagon fast 100 Millionen Dollar täglich nach Afghanistan. Im Vergleich dazu haben alle Geberländer zusammen seit 2001 für Wiederaufbauhilfe nur sieben Millionen Dollar pro Tag. Noch schlechter sieht die Bilanz aus, wenn man sie mit Hilfsleistungen in einer Region der Welt vergleicht, in der der Westen ebenfalls militärisch interveniert hat: in Bosnien. Dort hat der Westen in den ersten beiden Jahren nach seinem Eingreifen 679 Dollar pro Kopf ausgegeben, in Afghanistan gab es im selben Zeitraum gerade mal 57 Dollar pro Kopf. Nun entspricht ein Dollar in Afghanistan nicht einem Dollar in Bosnien – doch werden die Einsätze in beiden Ländern ganz unterschiedlich begründet.

Die Nato ist nur eine neue Kriegspartei auf einem alten Schlachtfeld

Die Intervention in Bosnien legitimierte die Nato mit dem Argument, man müsse dort Menschenrechtsverletzungen unterbinden. Srebrenica war das Stichwort. In Afghanistan aber ging es um etwas ganz anderes. Hier stand und steht angeblich die Existenz des Westens auf dem Spiel. "Deutschlands Freiheit wird auch am Hindukusch verteidigt!" – dieser Satz, den der damalige deutsche Verteidigungsminister Peter Struck den Soldaten mit auf den Weg gab, muss bis heute als legitimatorische Grundlage für den Afghanistaneinsatz herhalten. Was er sagen will, ist: Wenn der Westen in Afghanistan jetzt nicht mit Truppen präsent ist, wenn dieses Land auf Dauer nicht stabilisiert wird, macht sich dort wieder al-Qaida breit, und das wird zu verheerenden Anschlägen in westlichen Ländern führen. Einmal angenommen, dass dieser tödliche Automatismus sich wirklich entfalten könnte, warum sind die eingesetzten Mittel des Westens dann so gering? Wenn die Bedrohung so tödlich ist, warum hat die Bundesregierung das Thema über Jahre praktisch verschwiegen?

Es gibt darauf nur drei mögliche Antworten: Der Westen handelt fahrlässig; er kann es nicht besser; die Rede von einer existenziellen Bedrohung ist nicht so ernst gemeint. Wie auch immer die Antwort ausfallen wird, Afghanistan ist für das heimische Publikum auch nach sieben Jahren abstrakt geblieben. Selbst die Bundeswehrsoldaten vor Ort plagt das Gefühl, alleingelassen zu sein. Winfried Nachtwei von den Grünen hat kürzlich das Land bereist und berichtet von Klagen der Soldaten. Niemand könne ihnen überzeugend den Sinn des Einsatzes erklären. Jeder Verlust, den die Soldaten erleiden, potenziert sich dadurch und untergräbt die Moral. Wenn der Sinn einer Mission erst verloren ist, lässt er sich nicht einfach wieder herstellen.

Hatte der Einsatz überhaupt je einen Sinn? Als am 11. September die Türme des World Trade Center einstürzten, war schnell klar, dass Afghanistan Ziel eines amerikanischen Vergeltungsschlages sein würde. Die UN verabschiedeten die Resolution 1368, womit sie den militärischen Einsatz der USA auf eine etwas wackelige völkerrechtliche Grundlage stellten. Die USA hätten als Angegriffene das Recht auf Selbstverteidigung. Die Nato erklärte zum ersten Mal in ihrer Geschichte den Verteidigungsfall.

Die Planer im Pentagon hatten das Schicksal der Sowjetunion im Auge, die nach zehn Jahren Besatzung geschlagen aus Afghanistan abziehen musste. Daher wollten sie sich auf keinen Fall in Bodenkämpfe verwickeln lassen. Sie führten nahezu ausschließlich einen Luftkrieg. Den Kampf am Boden, soweit es denn einen gab, führte die mit den USA verbündete Nordallianz – eine Koalition aus Tadschiken, Hasara und Usbeken. Nach sechs Wochen stürzte das Taliban-Regime – das war schneller als selbst Optimisten angenommen hatten.

Was man im Siegestaumel nicht sehen wollte, war, dass dieser Krieg nur eine Runde in einer Abfolge von verschiedenen Kriegen der letzten 30 Jahre war. Alle Kriegsparteien, ob Taliban oder Nordallianz, hatten ihre Sponsoren, Pakistaner, Iraner, Inder, Russen. Der Westen begab sich auf ein Schlachtfeld, auf dem regionale Mächte seit Jahrzehnten Stellvertreterkriege ausfochten. War der propagierte Kampf gegen al-Qaida dieses Risiko wert? Wenn ja, wie wollte man ihn gewinnen? Gegen welche ausländischen Sponsoren afghanischer Parteien sollte man sich stellen, mit welchen verbünden? Wie wollte man vermeiden, nur eine weitere Kriegspartei zu werden? Schließlich: Was ist das überhaupt, ein Sieg in Afghanistan? Alles Fragen, ohne Antworten. Trotzdem stürzte man sich in den Kampf.