Nicht nur Migrantenkindern soll es besser gehen. Die Lehrer fordern Stipendien für den Pädagogennachwuchs, die Hochschulrektoren eine bessere Lehre, und die Arbeitgeber möchten ein Schulfach Wirtschaft. Fast täglich formulieren Lobbygruppen und Parteien neue – und alte – Ideen, die auf dem Bildungsgipfel in Dresden am 22. Oktober Wirklichkeit werden sollen. Um alle Wünsche zu erfüllen, brauchte man nicht viel weniger Geld als für die Rettung einer Bank.

So weit wird es angesichts der Finanzkrise kaum kommen. Dennoch stellt sich erst in den nächsten Tagen heraus – in der heißen Phase der Verhandlungen zwischen Kanzleramt und Staatskanzleien also –, ob der Gipfel mehr sein wird als eine Leistungsschau all dessen, was Bund und Länder bereits unternehmen. Der Bund würde dann erneut seinen Ausbildungsbonus für schwer vermittelbare Jugendliche preisen, die Länder lobten ihre Sprachtests für Vorschüler. Und beide würden sich gegenseitig für die Krippenoffensive beglückwünschen.

Bliebe es bei dieser PR-Nummer, hätten die Gipfelteilnehmer eine Chance verspielt und Kanzlerin Angela Merkel ihren neuen Ruf als oberste Bildungsbeauftragte der Republik gleich wieder eingebüßt. Insbesondere der Bund drängt deshalb darauf, in der Abschlusserklärung konkrete Zielmarken festzuhalten. So soll die Zahl der Jugendlichen ohne Schulabschluss und Ausbildung in den kommenden fünf Jahren halbiert werden. Zudem soll das Geld, das durch den Rückgang der Schülerzahlen frei wird, auch in Zukunft für die Bildung zur Verfügung stehen. Immerhin acht Milliarden Euro werden sich so bis zum Jahr 2015 ansammeln.

Umsetzen müssten die ehrgeizigen Pläne freilich in erster Linie die Länder. Und die zieren sich. Zum einen fürchten sie konkrete Selbstverpflichtungen: Wer die Latte hochlegt, kann sie auch reißen. Zum anderen erweist sich mancher Vorschlag im Detail als kompliziert. Die demografische Rendite zum Beispiel fällt von Land zu Land sehr unterschiedlich aus. Während in Hamburg die Schülerzahlen stabil bleiben, werden sie sich in Sachsen-Anhalt fast halbieren. Auch haben viele Finanzminister das frei werdende Geld längst anderweitig verplant.

Ohne Geschenke des Bundes werden sich die Länder deshalb kaum bewegen. Für die Universitäten hat Berlin bereits einige zusätzliche Milliarden eingeplant. So gilt es als sicher, dass die Exzellenzinitiative in eine zweite Runde geht und der Bund den Großteil der Kosten für zusätzliche Studienplätze übernimmt. Ebenso möchte Forschungsministerin Annette Schavan die Hochschulen mit einem millionenschweren Wettbewerb anregen, mehr für die Weiterbildung zu tun.

Der Erfolg des Gipfel wird sich jedoch nicht auf dem akademischen Feld entscheiden, sondern dort, wo die Wähler die größten Probleme wähnen: in Kindergärten und Schulen. Bei der Bildung jedoch fehlen dem Bund die Zuständigkeiten. Die Frage der nächsten Tage wird deshalb sein, wie zusätzliches Geld aus der Hauptstadt in die Landesmetropolen gelangt – ohne auf dem Weg dorthin mit der Verfassung zu kollidieren.

Abgelehnt hat der Bund den Vorschlag, den Ländern ein größeres Stück vom Steuerkuchen zu überlassen. Wenn man schon zahlt, will man auch entscheiden, wofür, heißt es in Regierungskreisen. Also werden Umwegfinanzierungen nötig sein. So könnte der Bund die Kosten für einige Tausend Sozialarbeiter übernehmen. Haupt- und Ganztagsschulen benötigen sie dringend. Oder er könnte einen Fonds einrichten, um die Ausbildung von Erzieherinnen zu verbessern oder Sprachkurse für Migranteneltern und ihre Kinder zu bezahlen.