Ulrich Reichert hat keinen Spiegel. Er würde gern sein Gesicht sehen. Reichert hatte noch nie eine Glatze. Er hatte sich entschlossen, mit den Zellengenossen zum Anstaltsfriseur zu gehen: "Im Gänsemarsch zum Kahlschlag." Er, der Ausländer, müsse nicht gehen, hatten sie gesagt, und die Aufseher hatten zugestimmt. Doch er wollte Teil der Gruppe bleiben, als einziger Fremder nicht noch mehr auffallen. Er teilt sich eine Zelle mit 17 Insassen. Mit Menschen, die seine Sprache nicht sprechen. Immerhin respektieren sie den Weißen, vor allem, nachdem sie erfahren haben, dass Reichert Managing Director der Niederlassung eines deutschen Baumaschinenherstellers ist.

Immerhin Respekt. "Immerhin" ist eines seiner wichtigsten Worte geworden in den letzten Wochen. Immerhin zweimal am Tag duschen. Immerhin satt werden. Immerhin ein paar Bücher und Vitamintabletten. Immerhin ein Tagebuch. Immerhin frische Luft. Reichert ist überzeugt, dass er unschuldig ist. Die anderen in der Zelle für Untersuchungshäftlinge sind es nicht. Sie erzählen von Mord, Raub, Korruption und Drogen. Reichert lebt seit 20 Jahren in Hongkong, nun sitzt er in China im Knast, weil der chinesische Zoll behauptet, dass beim Asphaltfertiger S2100-C von Voegele die maximale Einbaubreite – Voraussetzung, um in den Genuss der Zollfreiheit für importierte Maschinen zu kommen – um einen Zentimeter unterschritten worden sei. Beihilfe zum Schmuggel lautet der Vorwurf. Darauf stehen mehrere Jahre Gefängnis.

"Sie werden dich zwingen, chinesische Geständnisse zu unterschreiben"

Der Alltag in der Zelle ist eintönig. Sechs Uhr: Wecken. Dann Toilette, Waschen, Zähneputzen. "Es gibt keine Privatsphäre. Alles wird von allen gesehen." Nur das Klo ist hinter einer ein Meter hohen Wand. Es gibt keine Möbel in der Zelle. Frühstück im Knien. Appell. Von 8 bis 8.30 Uhr und von 8.40 bis 10.30 Uhr ist "Meisterzeit": Alle sitzen im Schneidersitz in einer Reihe und schweigen. Von 10.40 bis 11 Uhr Mittagessen. Danach Geschirr spülen und duschen. Mittagsruhe ist von 12 bis 14.30 Uhr. Anschließend bewegen. 16.50 Uhr Abendessen. Meist gibt es Reissuppe mit ein paar Gurkenstücken und etwas Kohl.

Danach wieder duschen, ein Höhepunkt des Tages, denn draußen sind 36 Grad. Duschen bedeutet Wasser aus einem Bottich schöpfen und über sich gießen. Einseifen. Wieder ein Bottich Wasser. Von 18 bis 19 Uhr Aufräumen. Warten auf den Appell. Von 19 bis 22.30 Uhr chinesisches Fernsehen schauen oder Karten spielen. Danach Nachtruhe. In der Nacht müssen immer zwei Leute Wache halten. Alle 75 Minuten ist Wachwechsel. Reichert, der Ausländer, bekommt die gute Schicht: von 22.30 bis 23.45 Uhr. Wieder und wieder geht Reichert seine Geschichte durch den Kopf. Er kann sie mit niemandem in der Zelle besprechen. Das Englisch des Singapurers ist nicht gut genug. Die anderen sprechen überhaupt kein Englisch.

Es ist eine absurde Geschichte von ungenauen Regelungen und ehrgeizigen Zollfahndern, die sie willkürlich auslegen. Es geht darum, dass die Chinesen mit allen Mitteln versuchen, ihren lokalen Markt zu schützen. Wie fängt man an, die Geschichte zu entwirren, fragt sich Reichert. Wie kann man sie den Fahndern verständlich erklären?

Es geht um einen Zentimeter. Seit Anfang 2001 muss eine Asphaltiermaschine in der Lage sein, eine Breite von mehr als 12,5 Meter zu schaffen, sonst darf der Kunde sie nicht zollfrei importieren. Ohne Zollbefreiungslizenz muss er fast 30 Prozent an Zoll und Mehrwertsteuer draufzahlen. Mit diesen neuen Einfuhrbestimmungen wollte der chinesische Staat die eigenen Hersteller und deren qualitativ schlechtere und somit viel billigere chinesische Maschinen gegen die deutsche Konkurrenz schützen. "Das hat uns wenig gestört. Wir haben das nach Deutschland gemeldet und prüfen lassen, ob die Maschine auch in der Lage ist, 13 Meter breite Straßen in einem Durchgang einzubauen. Natürlich war das kein Problem. Alle Maschinen werden mit Leistungsreserven von 30 Prozent konstruiert. Das Datenblatt wurde daher nach Genehmigung aus Deutschland von uns entsprechend geändert", erinnert sich Reichert. Da die Regelung nur vorschreibt, dass die Maschine mehr als 12,5 Meter schaffen können muss, war das für Reichert kein Problem. In den Verträgen stand nun, dass die Maschine eine 13-Meter-Kapazität hat. Damit wurde das gut 320.000 Euro teure Gerät für die Kunden um ein Drittel billiger. Die Zollfahndung der Hafenstadt Xiamen im Südosten Chinas glaubt hingegen nicht, dass die Maschine diese Kapazität hat, sondern dass das Datenblatt gefälscht wurde, um den Kunden zu helfen, Zoll zu sparen.

"Was mir passiert, kann jedem Ausländer passieren, der in China Geschäfte macht", sagt Reichert. "Dass man ausländische Manager so lange ihrer Freiheit beraubt, ist zum Glück eine große Ausnahme." Die Chinesen sind Spezialisten darin, Regelungen so vage zu halten, dass sie sie stets zu ihren Gunsten auslegen können. In vielen Bereichen, in denen Ausländer Geschäfte machen, gibt es gar keine andere Möglichkeit, als sich in einem Graubereich zu bewegen. Damit stellt die chinesische Regierung sicher, dass sie unter allen Umständen die Kontrolle behält. Der westliche Manager hat nur die Wahl, mitzuspielen oder den Markt zu verlassen. "Er muss nach Spielregeln spielen, die andere aufgestellt haben", so Reichert. "Und die ändern die Spielregeln auch schon mal während des Spiels."

Im Frühjahr 2006 hatte die Zollfahndung von Xiamen, der 2,5-Millionen-Stadt im Süden Chinas, Witterung aufgenommen. Ausgerechnet in Xiamen, dem Ort, wo 2000 der größte Schmuggelskandal der chinesischen Geschichte aufgedeckt wurde, in den fast die gesamte Führung des Zolls verstrickt gewesen war. Das Zollamt Xiamen hatte demnach allen Grund, durch striktes Vorgehen und Fahndungserfolge seinen schlechten Ruf zu verbessern. Entsprechend forsch gingen die Fahnder vor. Die Wirtgen-Gruppe, für die Reichert arbeitet, ein mittelständisches Familienunternehmen aus dem rheinland-pfälzischen Windhagen mit einem Umsatz von knapp einer Milliarde Euro im Jahr, hatte seit Beginn des Jahres 2001 mehr als 100 Maschinen des Typs Voegele S2100-C nach China geliefert. Die Zollfahnder waren überzeugt, mit dem Fall Wirtgen einen dicken Fisch an der Angel zu haben. Er könnte dem Staat bis zu 90 Millionen Euro an ausgefallenen Zöllen und Strafen einbringen.

Deshalb ging es Schlag auf Schlag. Im März 2006 wurde ein Mitarbeiter der Pekinger Import-Export-Firma CIESCO, die mehrere Voegele-Maschinen importiert hatte, festgenommen. Allerdings ließen sie ihn nach einem Monat gegen Kaution wieder frei. Dann kamen die Fahnder zur Chinazentrale von Wirtgen nach Lanfang in der Nähe von Peking und verhörten zwei Mitarbeiter. "Da wussten wir, jetzt wird es brenzlig", sagt Reichert. Im August wurde dann ein ehemaliger Mitarbeiter von Wirtgen/China unter Hausarrest gestellt und nach zwei Wochen verhaftet, kurz danach wurde ein zweiter Mitarbeiter festgenommen. Beide hatten Verträge zum Verkauf von Voegele-Maschinen unterschrieben.

Ulrich Reichert ist nervös, er hat kein gutes Gefühl, als er sich am Abend des 20. August 2006 zum Flughafen in Peking fahren lässt, um zu seiner Familie nach Hongkong zurückzukehren. An der Passkontrolle wird der damals 51-Jährige von zwei Zollbeamten abgefangen. Nur kurz kann er einem Kollegen durchs Telefon mitteilen: "Es ist passiert." Er wird in einen Nebenraum geführt und muss drei Stunden lang warten. Das Handy wird ihm abgenommen. Niemand sagt ihm, worum es geht. Dann führen sie ihn von der Abflugebene zur Ankunftsebene. Auf der Rolltreppe hört Reichert jemanden seinen Namen rufen. Er schaut sich um und sieht seinen deutschen Kollegen mit einem Anwalt, der die Beamten auf Chinesisch fragt, was denn los sei. Es werden ein paar Worte ausgetauscht, aber dann wird Reichert ohne Kommentar in ein anderes Zimmer geführt. "Da wusste ich zumindest, dass meine Leute meinen Aufenthaltsort kennen." Gegen 22.30 Uhr wird er in ein Gästehaus der Zollpolizei in der Nähe des Flughafens gebracht, zwei Bewacher bleiben die ganze Nacht in Reicherts Zimmer. Am anderen Morgen darf er immerhin telefonieren und am Computer arbeiten. Reichert schöpft Hoffnung. "Ich dachte, es wird zwei, drei Tage dauern, dann wird sich schon eine Lösung finden."

Nach dem Mittagessen in der Zollkantine geht es wieder zum Flughafen – ohne Gepäck. Reichert wird wieder unruhig. Doch es wird ihm nur Blut abgenommen – für einen Aidstest, vermutet er. Reichert und seine Begleiter fahren in die Stadt. Die Fahrt endet vor einem riesigen Stahltor. Es gehört zu einem Untersuchungsgefängnis im Westen von Peking: "Ich stand unter Schock. Mir wurde übel."

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Seine Kleidung wird konfisziert, Fingerabdrücke werden ihm abgenommen, dann wird Reichert in eine Zelle gebracht. 20 Mann zählt er. Es gibt kaum Platz. "Ich hatte Angst." Einer in der Zelle spricht Englisch. Ein Chinese, der lange in Hongkong gelebt hat. "Er hat mir Tipps gegeben. ›Sie werden dich zwingen, chinesische Geständnisse zu unterschreiben. Du kannst kein Chinesisch. Du kannst es nicht lesen und nicht schreiben. Schreib das drunter, wenn du das unterschreibst.‹ Das habe ich bei allen Verhören gemacht, obwohl die Zollpolizei anfangs versucht hat, mir klarzumachen, dass das nicht erlaubt sei."