Noch eine halbe Stunde bis zum Start. Mühsam habe ich mein Fahrrad vorschriftsmäßig zusammengefaltet und an der Startposition verstaut. Mein Hemd ist völlig durchgeschwitzt, ich lockere den Krawattenknoten. O Gott, wo ist meine Zigarre? Ich bin ganz benommen. Die vielen Eindrücke, die Aufregung.

Die Septembersonne feiert den letzten großen Auftritt des Jahres und taucht den Landschaftspark rund um Blenheim Palace in milchig helles Weichzeichnerlicht. Vor mir, in einer Senke, ruht still ein großer See. Über seine engste Stelle spannt sich eine monumentale Brücke, die Bäume am Ufer machen erste Farbvorschläge, die Gegend drum herum hat einen eleganten grünen Samtanzug an, im Hintergrund thront prächtig der Palast. Durch einen Triumphbogen habe ich diesen Park betreten. Das passt, dachte ich: Hier wirst du also deinen großen Sieg erringen, so wie sich die gigantische Anlage selbst den Siegen verdankt, die John Churchill Anfang des 18. Jahrhunderts für die englische Krone errang. Dafür wurden ihm die Herzogswürde und einige Hundert Hektar nördlich von Oxford verliehen. Er durfte sich Duke of Marlborough nennen und eines der größten Schlösser Europas bauen, damit sein Nachfahr, der elfte Duke, auf den Latifundien Mineralwasser abfüllen, ein Sägewerk und eine Miniatureisenbahn betreiben, Schlosshochzeiten anbieten und nun auch als Gastgeber für das merkwürdigste Fahrradrennen der Welt fungieren kann: die Brompton World Championship 2008.

Wer teilnehmen will, muss mit dem eigenen Klapprad erscheinen und die richtige Garderobe tragen. Eng anliegende Radlerkleidung ist nicht gestattet, Jackett, Hemd und Krawatte sind zwingend vorgeschrieben, das gilt für Damen wie Herren. Nur in diesem Outfit ist man ein echter Brompton-Fahrer. Das "Brommie" nämlich ist ein Hightech-Klapprad, das in nichts den lächerlichen orangefarbenen Schrotträdern gleicht, die früher in unseren Kellern und Garagen vergammelten. Es ist äußerst robust und lässt sich zu einem verblüffend kleinen Päckchen falten. Vor allem in London wird das Wunderding gefahren, von Pendlern, die mit Anzug und Krawatte in die U-Bahn steigen. In der engen, muffigen tube darf man keine großen Fahrräder transportieren – ein Klapprad, das sich auf Aktenkoffergröße verkleinern lässt, dagegen schon.

Dank des patentierten Klappmechanismus kann man das Brompton innerhalb weniger Sekunden auf- und wieder zusammenfalten. Wenn man es kann. Ich habe mir soeben ein Brommie geliehen, bin mit der Technik nicht vertraut und spiele nun die alte Comedynummer mit dem Mann und dem Klappstuhl durch. Bei jedem Faltvorgang entsteht etwas Neues, nur leider niemals ein Fahrrad. Ein Herr in Tweedsakko, Fliege und Reiterhose kann das nicht mehr mit ansehen und zeigt mir die entscheidenden Handgriffe. Denn das Rennen startet nach Le-Mans-Art: Man muss auf sein geparktes Fahrzeug zurennen, es auffalten und losfahren. Er liebe Bromptons, sagt Mr. Tweed, diese Räder seien endlich mal wieder ein Beispiel für erfolgreiche britische Technik. Von Cowley ist er hergeradelt, einem Vorort von Oxford, wo der Autohersteller Morris früher den legendären Morris Minor baute, eine Art britischen Volkswagen. Zwar sind inzwischen fast alle englischen Fahrzeugfirmen in fremder Hand. Das Brompton aber ist weltweit das bestverkaufte Klapprad und damit ähnlich erfolgreich wie die Beatles. Schon nach ein paar Minuten Üben kommt auch bei mir ein Fahrrad heraus.

Heute ist Bike Blenheim Day, zum ersten Mal hat der Herzog die längst zum Unesco-Kulturerbe zählenden Gärten für Radler aller Art freigegeben. Gleich beginnt die Weltmeisterschaft. Zwei Taiwaner fragen mich nach dem Weg zum Startfeld. Ich habe keine Ahnung. Yoon und Lee sind aus Taipei angereist, sie haben eine Geschäftsreise nach England mit der Teilnahme verbunden. In Taipei fahren beide Klapprad, das teure Brompton sei sehr beliebt, denn seit die Handys unsichtbar klein geworden seien, tauge es als gut sichtbares Statussymbol. In China komme man mit dem Plagiieren kaum nach.

Wir folgen der gut gekleideten Masse. Graue und schwarze Businessanzüge mit und ohne Nadelstreifen, Damen in Flanellhosen mit Blusen und Bindern, ein Gentleman im weißen Sommeranzug, Studenten in gestreiften Boating-Blazern, wie man sie in Oxford beim Stocherkahnrennen trägt, Teenager mit ungelenk gebundenen Krawatten – sie alle suchen ihre nummerierten Startpunkte. Eine betagte Dame mit riesigem Strohhut benutzt ihr zusammengefaltetes Klapprad als Rollator und stärkt sich mit einem Stoß Asthmaspray. In der Seniorenklasse gibt es auch einen Preis zu gewinnen.

Habe ich überhaupt eine Chance? Das letzte Rennen, an dem ich teilnahm, ist hundert Jahre her, es waren irgendwelche Bundesjugendspiele; und das letzte Zweirad, auf dem ich saß, wurde von zwei mächtigen Zylindern angetrieben und wog so viel wie ein Kleinwagen. Aber Geschwindigkeit ist nicht alles. Seit ich erfahren habe, dass auch der bestangezogene Fahrer einen Preis bekommt, rechne ich mir ernsthafte Chancen aus. Die Konkurrenz ist zwar gut gekleidet, aber gegen meinen weit geschnittenen Breitnadelstreifenanzug in Kombination mit psychedelischem Las-Vegas-Hemd, roter Siebziger-Jahre-Serviettenkrawatte, roter Sonnenbrille und schwarzen Hochglanz-Doc-Martens hat sie wohl kaum eine Chance. Allenfalls der Typ mit den zum Helm passenden schwarz-weißen Karostrümpfen könnte gefährlich werden.