DIE ZEIT: Im November vergeben Sie zum ersten Mal den mit 1,29 Millionen Euro dotierten Theo Murphy Blue Skies Award. Was bezwecken Sie damit?

Christofer Toumazou: Es geht uns darum, Forschungsprojekte zu fördern, die aus dem üblichen Schema herausfallen. Das kann Grundlagenforschung sein, zum Beispiel ein neuer Beweis für eine Theorie. Wir wollen aber auch Forschungsgebiete vorantreiben, zu denen es noch kaum oder gar keine Ausgangsliteratur gibt. Besonders wichtig sind uns interdisziplinäre Projekte. Die fallen bei der Verteilung von Forschungsgeldern oft unter den Tisch, weil sie nirgendwo richtig hineinpassen. Das Geld wird fast ausschließlich in Bereichen verteilt, in denen sowieso schon viel geforscht wird. Randprojekte sind für Wissenschaftler schwer finanzierbar.

ZEIT: Fällt Ihnen ein Forscher ein, der erfolgreich ins Blaue hinein gedacht hat?

Toumazou: Nehmen Sie Max Planck. Er ist der Begründer der Quantenphysik, er hat den Nobelpreis gewonnen. Am Anfang hat aber trotzdem niemand verstanden, was er gemacht hat. Es hat zwölf Jahre gedauert, bis seine Forschungsarbeit zur Grundlage der Physik wurde. Früher kam so etwas öfter vor, da war es kein Widerspruch, Mainstream-Forschung zu betreiben und ins Blaue hinein zu denken. Seit den siebziger Jahren hat sich aber ein Vergabesystem für Forschungsgelder etabliert, bei dem Max Planck glatt durch das Raster gefallen wäre. Das ist schlimm, weil wir in einer globalisierten Welt dringend kreative Ausnahmetalente brauchen.

ZEIT: Gibt es schon Bewerber für die erste Runde?

Toumazou: Noch nicht. Ich kann Ihnen aber ein Projekt skizzieren, das es durch das Auswahlverfahren schaffen würde. Angenommen, ein Elektroingenieur, ein Mediziner und ein Biologe arbeiten zusammen. Wenn der Elektroingenieur dabei die Idee hat, aus einem Halbleiter eine Art medizinisches Neuron zu konstruieren, fragt ihn jeder: Wozu soll das denn gut sein? Die Chance, das finanziert zu bekommen, wäre sehr gering. Taucht aber sechs Monate später ein Diabetes-Experte auf und sagt, ich brauche genau dieses Silizium-Bauteil, ich kann damit die Insulinausschüttung in der Bauchspeicheldrüse regeln – dann sieht die Sache schon ganz anders aus. Wenn also jemand zu uns kommt mit einer Lösung für ein Problem, das es noch gar nicht gibt, dann freue ich mich darüber. Der Elektroingenieur müsste unser Geld noch nicht einmal für das Projekt selbst ausgeben. Er könnte es zum Beispiel auch verwenden, um sich für einige Zeit von seinen Lehrverpflichtungen zu befreien und Biologie-Vorlesungen zu besuchen.

ZEIT: Die Bewerbungen sollen nicht nach dem traditionellen Peer-Review-Verfahren bewertet werden. Nach welchen Kriterien werden Sie die Projekte aussuchen?