Niemand weiß genau, was zu tun ist.« Diesen Satz hört man in diesen Tagen besonders oft, vor allem aus dem Mund von Wirtschaftsexperten. Und warum? Weil Erwartungen längst ein Teil des kapitalistischen Spiels sind. Denn wie sich die Märkte verhalten werden, hängt nicht nur davon ab, wie viel Vertrauen die Menschen in staatliche Rettungsaktionen haben. Es hängt noch mehr davon ab, wie viel Vertrauen ihrer Meinung nach die anderen Marktteilnehmer haben werden. Deshalb lassen sich die Wirkungen von Markteingriffen nicht vorausberechnen. Der Ökonom John Maynard Keynes hat diese Selbstreferenzialität des Marktes einmal elegant auf den Punkt gebracht. Er verglich die Börse mit einem Schönheitswettbewerb, dessen Teilnehmer aus hundert Fotos die schönsten Frauen auswählen sollen; Gewinner ist, wessen Auswahl dem breiten Geschmack am nächsten kommt: »Es geht nicht darum, diejenigen auszuwählen, die man für die Schönsten hält, ja nicht einmal darum, diejenigen auszuwählen, die der Durchschnittsgeschmack am schönsten findet. Wir haben die dritte Stufe erreicht, wo wir unseren Grips bemühen müssen, um vorauszusagen, was der Durchschnittsgeschmack für den Durchschnittsgeschmack halten wird.« Oder, auf den Finanzmarkt bezogen: Wir müssen Entscheidungen treffen, ohne über das nötige Wissen zu verfügen. »Wir sind gezwungen, so zu leben, als wären wir frei.« (John Gray)

Folgen wir dem Nobelpreisträger Joseph Stiglitz, dann wächst unter Ökonomen die Überzeugung, eine staatliche Übernahme fauler Kredite (Bail-out) könne die Probleme nicht lösen. Dennoch sei es »für die Politiker unmöglich, in einer solchen Krise nichts zu unternehmen«. Deshalb müssten wir »beten, dass ein Plan, der sich aus genau der fatalen Mischung von Sonderinteressen, irregeleiteten ökonomischen Theorien und rechten Ideologien zusammensetzt, irgendwie funktioniert – oder wenigstens keinen allzu großen Schaden anrichtet«.

Stiglitz hat recht. Märkte leben von dem, was die Marktteilnehmer glauben, und von dem, was sie glauben, dass andere Marktteilnehmer glauben. Wenn also nun alle Welt darüber grübelt, »wie die Märkte reagieren werden«, dann hängt die Antwort auf diese Frage nicht nur von den realen Auswirkungen der Maßnahmen ab, sondern davon, ob die Märkte selbst an die Wirksamkeit dieser Maßnahmen glauben. Das ist der Grund, warum sogar ein Rettungspaket, das ökonomisch unsinnig ist, am Ende funktionieren könnte.

Wenn man uns jetzt wissen lässt, wie wichtig Vertrauen und Glauben seien, müssen wir uns fragen, in welchem Maße die US-Regierung die Gefahren vergrößert, die sie zu bekämpfen vorgibt. Die rhetorische Ähnlichkeit zwischen Bushs Ansprache nach dem 11. September und der nach dem Ausbruch der Finanzkrise ist jedenfalls nicht zu übersehen. Man hat den Eindruck, zwei Fassungen derselben Rede gehört zu haben. In beiden Fällen malte Bush die Bedrohung der amerikanischen Lebensart an die Wand; in beiden Fällen forderte er, amerikanische Werte wie die Garantie der individuellen Freiheit und den Kapitalismus teilweise außer Kraft zu setzen, um genau diese Werte zu retten.

Der auf den Politikern lastende Druck, »etwas zu unternehmen und nicht bloß zu reden«, erinnert an einen magischen Zwang. Aber vielleicht verhält es sich genau andersherum? Vielleicht haben wir eher zu viel eingegriffen? Vielleicht ist es an der Zeit, Abstand zu gewinnen und dann das Richtige zu sagen. Es gibt genug, worüber wir nachdenken sollten.

Zum Beispiel über diesen Fall: Am 15. Juli griff der republikanische Senator Jim Bunning den US-Notenbank-Chef Ben Bernanke mit den Worten an, seine Vorschläge zeigten, dass »der Sozialismus in Amerika blüht und gedeiht«. Bunning damals wörtlich: »Jetzt will sich die Notenbank zum systemischen Risikoregulierer aufschwingen. Dabei ist die Notenbank Fed selbst das systemische Risiko. Der Fed mehr Macht zu geben ist so, als gäbe man dem Burschen, der beim Baseballspielen auf der Straße Ihr Fenster zertrümmert hat, einen größeren Schläger.« Am 23. September legte Bunning nach und bezeichnete die Übernahme fauler Kredite als »unamerikanisch«.