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ollte man heute in einer Umfrage die Bedeutung des Wortes "Hundstage" ermitteln, so würde man wohl das Aussterben dieses schönen Begriffs registrieren. Die apokalyptische Stimmung von wilder Faulheit und delirierender Betäubung, die mit der Hitzeperiode assoziiert ist, gehört einer verflossenen Moderne an. Bevor die Klimaveränderung die meteorologischen Standards aufweichte, bevor TUI & Co. die Regie übernahmen, war der Hochsommer die Zeit, in der der Mensch – statt ihn in die Hundepension zu geben – auf den Hund kam. Und so kommen wir auf Konrad Lorenz’ soziologisch, aber auch literarisch unübertroffene Schilderung dieses Ausnahmezustands:

"Mögen die Hundstage der Herkunft nach mit den Griechen und mit dem Sirius verknüpft sein, ich nehme sie wörtlich. Wenn man nämlich die geistige Arbeit ›bis daher hat‹, dann komme ich auf den Hund. Wenn ich an einem heißen Sommertage über die Donau schwimme und dann im Schlamm liege, in einer Urlandschaft, in der nicht das geringste Anzeichen auf die Existenz menschlicher Zivilisation deutet, gelingt es mir manchmal, ein Wunder zu vollbringen, das die orientalischen Weisen als höchstes Ziel anstreben: Ohne dass ich etwa einschliefe, löst sich mein Denken in der umgebenden Natur auf, die Zeit steht still, sie bedeutet nichts mehr, und wenn die Sonne sinkt, weiß ich nicht, ob Sekunden oder Jahre vergangen sind. Dieses animalische Nirwana ist ein wahrer Balsam für die wundgeriebenen Stellen an der Seele des abgehetzten modernen Menschen. Am leichtesten gelingt mir diese Einkehr in das vormenschliche Paradies in Gesellschaft eines Wesens, das seiner noch von Rechts wegen teilhaftig ist – in der eines Hundes, der aussieht wie ein wildes Tier, das die wilde Landschaft nicht durch ein zivilisiertes Aussehen verdirbt."

Bis ins Detail erscheint diese Passage als Vorlage von Marion Poschmanns Hundenovelle. "Ich saß auf den Eingangsstufen einer verrammelten Baracke", beginnt sie. Hier läuft der Erzählerin ein verwahrloster Hund zu, dessen Schönheit sie gleichwohl anzieht. Es ist Juli, es ist heiß. Das Tier folgt ihr nach Hause; es diktiert ihren Tagesablauf. Er zieht sie unwiderstehlich in jenes "animalische Nirwana", in dem Ich und Welt, Mensch und Landschaft verschmelzen. Nach und nach durchquert die Erzählung das Alphabet des "vormenschlichen Paradieses", von Natursehnsucht bis Zivilisationsekel, von Erlösungswunsch bis Todesangst – eine hochromantische Ambivalenz, deren düsterer Pol ausführlich beschworen wird, bevor ahnungsweise Erleuchtung aufscheint.

Für den Verfall findet Marion Poschmann unzählige Bilder, die der Rezensentenjargon gemeinhin mit dem Adjektiv "betörend" belohnt. Brachland heißt das erste Kapitel programmatisch: Minutiös fächert es den von der Trümmerliteratur bis zu Franz Josef Degenhardt durchdeklinierten Topos von der hitzeflimmernden Leere einer renaturalisierenden Peripherie auf: Kläranlagen, Gewerbehöfe und Tankstellen, Müllkippen und Industriekanäle, Stadtwildnis mit Beifuß und Berberitzen. Erschöpfend wird die Artenvielfalt von Schrott und Pflanzen geschildert.

Auf der nächsten Stufe der "Einkehr" baden Frau und Hund im Schlammteich eines tristen Naturschutzgebietes. Wasserbilder werden aufgereiht, das klassische Verschmelzungsmotiv, bis hin zur Dissoziierung des Bewusstseins in der Nasszelle. Kurz darauf setzt die Erzählerin das Tier aus, um schließlich der Verführung ganz zu erliegen und selbst zu verwildern. Am Ende stehen die Sternbilder des Kleinen und des Großen Hundes mit dem Sirius im Maul, nicht ohne Anspielungen auf die Sternenmythologie.

Es ist die präzise Komposition, die neben der geschliffenen, "glitzernd" polierten Sprache dieser Prosa besticht. Trotz allzu fleißiger Aufzählungswut herrscht ein kontrolliertes Gleichgewicht. Droht eine Überdosis sinnlicher Beschreibung, folgt lakonischer Witz; droht Kitsch, werden Reflexionen und Legenden eingeschoben. Marion Poschmanns Meditation über die wilde Natur des Menschen wirkt bei, ja wegen allen Kunstwillens gezähmt – ganz im Gegensatz zu der lebendigen Souveränität des alten Konrad Lorenz.