Zum Wesen der Verschwörungstheorie gehört es, dass der Verschwörungstheoretiker weit von sich weist, ein Verschwörungstheoretiker zu sein. Er sei einfach nur ein interessierter Bürger, sagt Nitin Sawhney. Dann lächelt er und hebt an, wieder einmal, Fakten zu präsentieren, die jedem interessierten Bürger offenstünden. Erzählt von dem Reisepass, der sich völlig unversehrt in der Nähe der Reste des World Trade Centers fand und mit dem einer der Attentäter des 11. September zweifelsfrei identifiziert werden konnte. Erzählt von der Milliarden Dollar schweren Versicherung, die angeblich anonym auf die Twin Towers abgeschlossen wurde, wenige Monate vor ihrer Zerstörung. Erzählt von dem Manager, der dem öffentlichen Nahverkehr in London vorstand, als dort 2005 in Bussen und U-Bahnen Bomben explodierten, einem Mann, der vormals als Angestellter der CIA für Experimente mit Gedankenkontrolle zuständig war.

Wenn man Nitin Sawhney zuhört, dann fügt sich alles wie selbstverständlich. Der Terrorismus und die Finanzkrise, Notstandsgesetze und Überwachung, die Falken in Washington und bärtige Prediger in Hinterhofmoscheen, Politik und Musik. Sawhney, 1964 geboren, Brite mit indischen Wurzeln, Wanderer zwischen Dance-Club und Konzertgraben, hat mit London Undersound zwar nicht die Verschwörungstheorie vertont, der er angeblich nicht anhängt. Aber er hat doch ein Album kuratiert, das die Stimmung in einem London beschreibt, in dem solche Theorien gedeihen können.

Die Geschichte von London Undersound beginnt spätestens am 7. Juli 2005. Als sich in London während des morgendlichen Berufsverkehrs in drei U-Bahnzügen und einem Bus Selbstmordattentäter in die Luft sprengen, wartet Nitin Sawhney in seinem Studio gerade auf seine Musiker. Niemand, den er kennt, ist zu Schaden gekommen. Aber am Ende des Tages sind 56 Menschen tot, über 700 verletzt, und Sawhney stellt sich eine Frage: Wer profitiert?

Die folgenden Monate beantworten diese Frage. Radikale Islamisten haben die Bomben gelegt, Immigranten wie er stehen nun unter Generalverdacht. Die Profiteure sind die Herrschenden, die das Klima der Angst benutzen, um ihre Interessen durchzusetzen, neue Gesetze zu erlassen, ihre Befugnisse zu erweitern. London beginnt sich zu verändern.

"Ich liebe London", sagt Sawhney, "das vielfältige London. Das, was London sein kann." Dieses London feiert er, indem er auf seinem Album viele verschiedene Stimmen versammelt. Natty, den Sänger mit der Mutter aus Lesotho und dem englischen Vater. Anoushka Shankar, Tochter des berühmten Ravi und Halbschwester von Norah Jones. Imogen Heap, die Sängerin und Songwriterin mit der klassischen Ausbildung. Reena Bhardwaj, eine in England geborene Sängerin von Bollywood-Soundtracks. Aruba Red, britische Dancehall-Hoffnung und Schwester von Cream-Bassist Jack Bruce. Ehrwürdige pakistanische Volkssänger wie Faheem Mazhar und junge Soulsängerinnen wie Tina Grace und Roxanne Tataei.

Mit diesen Stimmen bringt Sawhney die Vielfalt der ethnisch diversifiziertesten Metropole der Welt zum Klingen. Und als Bonus gibt es die Stimme von Paul McCartney, dessen Song My Soul zeigt, wie London Undersound funktioniert: als vertontes Kollektivbewusstsein einer Stadt im Umbruch. Wenn man Paul McCartney heißt und einen Song schreibt, in dem es um die Einschränkung persönlicher Freiheiten geht, dann hat man Paparazzi vor Augen, die geifernde Boulevardpresse und einen unappetitlichen Scheidungskrieg.

Wenn man aber Nitin Sawhney heißt, ein nicht ganz so berühmter Musiker ist, einer ethnischen Minderheit angehört und zusammen mit Paul McCartney diesen Song aufnimmt, dann denkt man an all die Kameras, die neuerdings den Alltag in London überwachen, an eingeschränkte Grundrechte, an Menschen, die von der Polizei erschossen werden, weil sie irgendwie orientalisch aussehen. Dann denkt man an ein London, das nicht mehr die Heimat ist, die es einmal war.