Wenn man sieht, was Horst Seehofer tut, weiß man nicht immer, was er macht und wie er es gerade meint. Ein Bild aus der vergangenen Woche zeigt ihn in der Pfarrkirche in Rott am Inn. Er kniet dort allein in einer Bank, die Hände hat er andächtig gefaltet. Ein Blitzlicht strahlt ihm ins Gesicht.

Alle großen Zeitungen haben das Foto gedruckt, die CSU-Spitze hatte sich in Rott zum 20. Todestag ihres Übervaters Strauß versammelt, Seehofer wird in Kürze dessen Erbe antreten. Aber je länger man hinschaut, desto weniger erkennt man: Betet der Mann, oder posiert er nur? Stört ihn die Kamera, oder hat er den Fotografen selbst gerufen? Zeigt das Bild nun einen Frommen oder doch eher einen Scheinheiligen? Etwas Unscharfes, Doppeldeutiges umgibt ihn. Es wirkt, als schiebe sich hinter das erste Seehofer-Motiv ein zweites oder gar ein drittes.

So ist das oft mit diesem Mann, dessen Karriere längst beendet schien und den die CSU nun in höchster Not ruft, um sie zu retten. Und den sie deshalb auf einen Schlag mit einer Macht ausstattet, wie sie zuvor nur Franz Josef Strauß und Edmund Stoiber innehatten. Ende Oktober wird Horst Seehofer erst zum CSU-Chef und kurz darauf zum Bayerischen Ministerpräsidenten gewählt werden.

Wie bitte, Horst Seehofer soll die CSU retten? Vielleicht muss man noch einmal einen Schritt zurückgehen, um den Blick zu schärfen für die Sensation, die sich hinter dieser Nachricht verbirgt. Für die Sensation und, möglicherweise, für die Illusion.

"Ich lasse mich doch nicht auf Kartoffeln und Bananen reduzieren"

Es war im März 2005, in Berlin regierte noch Rot-Grün, Horst Seehofer war kurz zuvor als Fraktionsvize zurückgetreten und Oskar Lafontaine noch SPD-Mitglied, als der eine, Seehofer, das neue Buch des anderen, Lafontaine, vorstellte und in den höchsten Tönen pries. Eine "klare, präzise Analyse" sei das, so Seehofer, "alle Fakten stimmen". Auch der Grundtenor des Buches, das sich mit der "neoliberalen Irrlehre" auseinandersetze, sei ganz in seinem Sinne: "Da bin ich sehr dabei."

Was für ein Paar! Hier der Mann, der gegen Schröder verloren hatte und nun gegen Hartz IV, den "Putsch" der Wirtschaft und das unheilvolle Wirken der "Allparteienregierung" in Berlin zu Felde zog. Dort der Mann, der im Streit um die Kopfpauschale gegen Merkel den Kürzeren gezogen hatte – und nun mit Lafontaine kokettierte. Zwei Mitglieder im Club der "Einzelgänger, Isolierten, Verstreuten, Querulanten", spottete Seehofer, eitel und selbstironisch. "Zwei Geflüchtete stehen da, zwei Gescheiterte", beschrieb der Spiegel die Szene – und sollte sich täuschen.