Ulrich Greiner ruft an. Er sagt: "Tag, Harry", ich sage: "Alles klar, Boß. Bis wann?", und dann darf er auch was sagen. "›Lost in translation‹", sage ich versonnen, "schön doppeldeutig. Einmal die Einbußen beim Übersetzen, dann aber auch das mäandrierend Peripatetische, das gleichsam Geworfensein zwischen loyalem und kompensatorischem Übersetzen… Aber das kann ich doch nie und nimmer so fundiert und unterhaltsam wie der große Dieter E. Zimmer…" – "Das ist mir klar", grollt Greiner grob. "Schreib einfach hin, was du beim Übersetzen gerade erlebt hast, oder nimm was Altes, wenn es wieder hochblubbert. Over."

Wenn man, wie ich, je einmal der Held einer Magister- und einer Diplomarbeit geworden ist, hat man zwei Möglichkeiten. Entweder man sagt sich: "Jetzt kommt eh nix mehr", oder man fühlt sich umstellt.

Die Magisterarbeit stammt weder verwandt noch verschwägert von Sabine Kunzelmann und hat den Titel "Die unübersetzbare Eddie Dickens-Trilogie von Philip Ardagh in der Übersetzung von Harry Rowohlt", und in der Danksagung dankt mir Sabine Kunzelmann für meine Geduld. Die Diplomarbeit stammt von Livia Zoelly, hat den Titel: "Von Katzenschaukeln und Mäuseköteln. Eine deskriptive Analyse der übersetzerischen Freiheit in Harry Rowohlts Übersetzung von Philip Ardaghs Awful End", und in der Danksagung dankt mir Livia Zoelly für meine Geduld. (Nicht ohne Grund habe ich mal in einem Promi-Fragebogen die Frage nach meinen schlechten Eigenschaften mit "Geduld!!!" beantwortet.)

Die sechsbändige Eddie Dickens-Trilogie ist the thinking kids Harry Potter, und wenn ich gefragt werde, für welches Alter diese Kinderbücher gedacht seien, sage ich: "Wenn das Kind doof ist, ist es mit 65 immer noch zu jung." Das Kind, das Schlimmes Ende, den 1. Band, schadlos überstanden hat, ist reif für Finnegans Wake, weil es aber schlau ist, liest es stattdessen die nächsten fünf Bände. Und ist danach noch ein bißchen schlauer. Den großen Erfolg der Eddie Dickens-Bücher erkläre ich mir damit, daß man von sich auf andere schließt, weshalb die meisten Eltern ihre Kinder für bescheuert halten, was aber oft gar nicht stimmt bzw. noch nicht stimmt, und so nutzen die Kinder die Lücke im Schicksal, das Gelücke, von dem das schöne deutsche Wort Glück abstammt, und lesen ungestört realistische Romane, in denen sämtliche Erwachsenen einen Schwerstwischer haben und nur ein Kind, Eddie Dickens, den Durchblick behält. Das alles muß man sich nun aber unübersetzbar vorstellen, was natürlich dem Endverbraucher herzlich piepe ist.

Wenden wir uns nun Livia Zoellys Diplomarbeit zu. Wir könnten uns auch Sabine Kunzelmanns Magisterarbeit zuwenden, aber die habe ich verliehen.

"Die folgende unübersetzbare Stelle", schreibt Livia Zoelly, "wurde von Rowohlt wieder mit eindrücklicher Kreativität möglichst treu zum Autor übersetzt: ›[The horse] had somehow broken free and, before Uncle Jack had had time to catch the startled creature, it had run – in the words of a popular little ditty –‹", und hier folgt Anmerkung 45: "A popular ditty: dt. ein leichtes Liedchen (Pons 2003). Over the Hills and Far Away ist ein traditionelles englisches Lied aus dem 18. Jahrhundert oder früher. (Wikipedia 2001, Eintrag Over the Hills and Far Away ›traditional‹)", geht aber jetzt wieder weiter, "›…over the hills and far away.‹" / "[Das Pferd] hatte sich irgendwie losgerissen, und bevor Onkel Jack die Zeit gefunden hatte, das verstörte Geschöpf einzufangen, war es – wie es in Goethes erstem ›Mignon‹-Lied (in ›Wilhelm Meisters Lehrjahre‹) so sinnfällig heißt – ›dahin, dahin‹."

Livia Zoelly indes wäre nicht Livia Zoelly, wenn sie es damit bewenden ließe. Für ein Bewenden wäre eine Diplomarbeit auch der falsche Ort. "Rowohlt behält", schreibt sie vielmehr, "die Anspielung auf einen externen Text und sogar die Textsorte ›Lied‹ bei, verwendet aber nicht die Worte eines ›bekannten Volksliedchens‹, sondern diejenigen aus einem Werk eines großen Dichters. Damit verändert er zwar den Bezug zur Leserschaft, da Kinder aus einer englischsprachigen Kultur mit dem Zitat vertraut sein dürften, deutschsprachige Kinder hingegen weniger mit einem Zitat von Goethe, die Abweichung war aber wohl unumgänglich, wenn dem Übersetzer kein ›Liedchen‹ zur Verfügung stand, das an dieser Stelle dieselbe inhaltliche und appellative Aussage hätte übernehmen können."