Kehr macht sich wegen der Finanzkrise keine Sorgen. Was soll ihm schon passieren, so lange es Garküchen und Teestuben gibt, so lange er sich täglich das bisschen Geld für Essen, Alkohol und Tabak erbetteln kann? Kehr ist Profi, er weiß, worauf es ankommt. Seinen Platz auf der Schwelle der Heilig-Geist-Kirche hält er immer sauber, es ist einer der besten der ganzen Stadt. Scharen von Touristen, Einkäufern und Hofbräuhausbesuchern ziehen hier vorbei. Der Platz ist jeden Tag exklusiv für ihn reserviert, "keiner würde es wagen, sich mit einem alten Söldner wie mir anzulegen!".

Jeder hat seine Art zu betteln. Manche haben einen Hund dabei, denn vielleicht fühlt der Passant ja mit dem Tier, wenn er es schon nicht mit dem Menschen tut. Andere knien am Straßenrand und vergelten Kleingeld mit Demut. Kehr erzählt Geschichten, Berbergeschichten. Er tut das mit dem gleichen Stolz wie einer, der zur See gefahren ist. Jedem Satz schickt er ein Lachen hinterher, es klingt nach Rauch und eiskalten Nächten im Freien und bewirkt, dass die Erzählungen einen Moment lang ganz leicht klingen, obwohl sie doch so hart sind. Seit Kehr zwölf Jahre alt ist, ist er Alkoholiker. Seit er zwölf Jahre alt ist, ist er unterwegs. Paris, Hamburg, Berlin. Inzwischen ist er 46, und die Jahre auf der Straße haben Spuren hinterlassen, nicht nur selbst gestochene Tätowierungen auf den Händen, sondern auch tiefe Schatten im Gesicht.

Wenn Kehr erzählt, macht er sich nie zum Opfer. Er will kein Mitleid. Er hätte ja auch anders können. Hätte bei seiner Freundin einziehen können, die ihn heiraten wollte, doch er möchte das nicht. Hätte eine Karriere starten, Geld verdienen können, "aber schau sie dir an, die Banker: wenn ich von deren Stress hör, grins ich und trink mir eins". Geld, sagt Kehr, interessiere ihn nicht: "Es sei denn, ich hab eins."

Es ist eigenartig. Einer wie Kehr, der doch von den Almosen anderer abhängt, bleibt in der Krise seltsam heiter. Weil er den Sozialstaat nicht bedroht sieht, weil er schon so vieles durchgestanden hat, vor allem aber, weil er nichts zu verlieren hat. Vererben werde er nichts, sagt Kehr, und um sein Begräbnis müsse er sich auch nicht kümmern. "Einbuddeln tun se jeden."

Frankfurter Innenstadt, Neue Kräme Neulich unterhielt sich Pfarrer Gunter Volz mit einem guten Bekannten, der selbst lange in einer Bank gearbeitet hatte, in führender Position: "Auf euch Kirchen wird jetzt viel zukommen", sagte der.

Gunter Volz fragt sich, was das nun bedeuten werde. Mehr Arbeitslose? Mehr Armut? Werden die Suppenküchen der Kirche bald voller sein? Bilder von der Weltwirtschaftskrise des letzten Jahrhunderts tauchen dann vor ihm auf.

Volz betreut keine eigene Gemeinde, er vertritt das Dekanat in den städtischen Gremien, in denen auch die Wirtschaft sitzt. In Gesprächen bekommt er jetzt oft die Wut der Menschen auf die Banker zu hören, er kann sie auch nachvollziehen. "Die Gewinne privatisieren, die Verluste sozialisieren – so einfach geht es nicht", sagt er. Jetzt sollen Kirche und Staat wieder als Auffangnetz dienen. Doch zumindest hofft Volz, dass die Krise einen Wertewandel mit sich bringt. Vielleicht kehre ja dann das Leitbild des ehrbaren Kaufmanns wieder zurück.