Erling in Oberbayern, auf der Hauptstraße

Das Dorf schläft in der Nachmittagssonne, kein Mensch auf der Straße, außer Martin Schrobl und Franz Waigl, die auf ihrem Traktor sitzen. Die beiden sind Maurer. "Krise? Iwo", sagt Schrobl. Das Geschäft laufe gut, der Chef suche dringend Leute, die er einstellen könne. Ihr Geld hätten sie sicher auf Girokonten und Sparbüchern geparkt, spekuliert habe hier keiner. "Mia san zfriedn mit unserm Leben", sagt Waigl. Und fügt an: "Liechtenstein brauchma hier eh net."

Berlin-Mitte, vor dem Bundesfinanzministerium an der Wilhelmstraße

Mitglieder einer Kirchengemeinde aus Paderborn haben sich versammelt, ins Auge des Orkans zu blicken. Sie stehen vor dem Bundesfinanzministerium. Als die Westfalen ihren Berlin-Besuch planten, ahnten sie nicht, in welch turbulenter Zeit sie hierherkommen würden. Es ist Freitagmorgen, die Frauen tragen Goldschmuck, die Männer silberne Haarkränze, bei ihrer Kleidung überwiegt das Beige, die meisten sind jenseits der 60. Auch ein Angestellter der Paderborner Kämmerei ist dabei. Uwe Palluk führt die Gruppe durch das Ministerium, ein Mann im grauen Anzug und mit grauer Krawatte. Er hat sich vorbereitet auf die Fragen, die da kommen könnten: Ob denn das Geld auf den deutschen Banken sicher sei. Ob der Minister wirklich alles richtig mache, wenn er so viel Geld der Bürger verplane, um für die Banken zu bürgen. Er hatte für diesen Fall ein paar beruhigende Sätze parat.

Aber der Fall tritt nicht ein. Die Führung plätschert dahin, ohne dass sich die Stimme des Volkes erhebt. Palluk zeigt Grafiken, auf denen die Staatsschulden immer kleiner werden bis zum Jahr 2012. Am Ende fragt ein Mann, wo denn der Minister sein Zimmer habe. Es gibt an diesem Vormittag keinen Klärungsbedarf zwischen Volk und Regierung, keinen Unwillen, erst recht keinen Zorn. Pakull verteilt Sonderpostwertzeichen zum Abschied, "100 Jahre Motorflug" und "Alte Rheinbrücke Bad Säckingen".

Wollen sich an diesem Vormittag alle ein bisschen schonen und die Realität nicht sehen? Man fühlt sich ein bisschen an den Film Good Bye Lenin! erinnert, in dem der kranken Mutter nicht verraten werden soll, dass die DDR gerade zusammengebrochen ist. Es scheint, als wolle keiner aufwachen aus seinem Traum von der alten, heilen Bundesrepublik, in der eine Bank noch eine Bank war und Geld dort sicher angelegtes Geld war.

Frankfurt, vor der Deutschen Börse