Am Ohio River wuchert Unkraut über rußverschmierte Mauerreste. Verlassene Hallen ragen hier und dort aus den Industriebrachen wie auf Grund gelaufene Supertanker. Vor ein paar Jahrzehnten noch war diese Gegend rund um die Stadt Aliquippa ein Zentrum des Steel Country, der Stahlregion im äußersten Südwesten des US-Bundesstaates Pennsylvania. Allein das Werk der Jones and Laughlin Steel Company erstreckte sich über zwölf Kilometer. "Die Mills liefen ununterbrochen, 24 Stunden am Tag, ihre Feuer und Rauchfahnen haben die Nacht erleuchtet", erinnert sich Jerry Laycak. Er ist 59 Jahre alt und Gewerkschafter bei United Steelworkers (USW), der einst sehr mächtigen Gewerkschaft der Stahlarbeiter.

Wäre alles noch wie früher, die Präsidentschaftswahl wäre wohl entschieden. Die weißen Arbeiter würden wie immer für die Demokratische Partei stimmen. Doch Barack Obama ist ein Schwarzer. Und deshalb muss Laycak um jede Stimme für Obama kämpfen. Ein Problem hat Laycak zumindest nicht: politische Gleichgültigkeit. Die Leute, mit denen er redet, sind sauer – sogar pissed off, wie er es formuliert – und bereit, Washington eine Quittung zu verpassen.

"Meine Jungs wollen nicht, dass ein Schwarzer in ihrer Straße wohnt"

Die Arbeiter der Region brachten in den Glanzzeiten der Nachkriegsjahre die höchsten Pro-Kopf-Einkommen des Landes in ihre schmalen Einfamilienhäuser, erzählt Laycak stolz. Doch dann kam die große Krise der achtziger Jahre. Die Konzerne schlossen ihre Werke, verlagerten die Produktion nach Mexiko und in andere Länder. Davon hat sich die Stadt Aliquippa und mit ihr die ganze Gegend nie erholt. Nicht einmal im Boom des vergangenen Jahrzehnts. Infolge dessen haben fast zwei Drittel der Einwohner die Stadt verlassen. Die meisten Geschäfte in den Backsteinbauten an der Hauptstraße sind mit Brettern vernagelt. Dazwischen klaffen Baulücken. Offen sind ein Liquor Store, der Alkoholika verkauft, und eine Billardkneipe.

Ausgerechnet diese Region steht nun im Brennpunkt der Präsidentschaftswahl. Pennsylvania ist neben Michigan, Colorado und Ohio einer der "Battleground States", einer der Bundesstaaten, die die Wahl im November entscheiden könnten. Dominiert durch die Gewerkschaften, galt Pennsylvania lange als true blue, eine sichere Bank für die Demokraten. Doch die Menschen sind konservativ. Sie sind Nachfahren zahlreicher deutscher, irischer und osteuropäischer Einwanderer, die kamen, um für Räuberbarone der Industrialisierung wie Andrew Carnegie und Charles Schwab zu malochen. Sie sind stolz darauf, dass ihre Großväter für bessere Arbeitsbedingungen streikten, obwohl sie mit Waffen bedroht wurden. Zwiegespalten seien sie bis heute, sagt Paul Snatchko, ein ehemaliger Journalist und Lokalpolitiker, der heute Marketing für eine Stiftung der katholischen Kirche macht. "Der Gewerkschaftstreue steht eine extrem konservative politische Grundhaltung gegenüber – gegen Abtreibung und Homosexuellenehe, für Waffenbesitz."

Was Snatchko nicht sagt, erlebt Andy Miklos täglich. Dass zu diesem Konservativismus auch ein Misstrauen gegen Obama gehört – weil er schwarz ist. Miklos ist Chef des lokalen USW-Gewerkschaftsbüros in Clairton und war lange Gemeinderat. Die Kollegen bei US Steel haben ihm gesagt, dass sie klar demokratisch wählen würden – wenn der Kandidat eine andere Hautfarbe hätte. "Meine Jungs sagen, sie hätten kein Problem, mit einem Schwarzen zusammenzuarbeiten, aber sie wollen nicht, dass er in ihrer Straße wohnt – oder im Weißen Haus!"

Dass Obama überhaupt eine Chance hat, liegt an der Wirtschafts- und der Finanzkrise. "Es ist eine Schande, was die in Washington abziehen", regt sich der Gewerkschafter Miklos auf. "Bush und seine Freunde bei den Öl- und Baukonzernen haben den Irakkrieg zu verantworten, uns an die Chinesen ausverkauft und das Land in Grund und Boden gerammt." Jetzt spendieren sie Milliarden für die Wall Street. "Und wer hilft dem kleinen Hausbesitzer?" Es ist diese Stimmung der angry white men, die aufbrechende Wut der Verlierer aus der weißen Arbeiterklasse, die sie am Ende einen schwarzen Präsidentschaftskandidaten wählen lassen könnte. "Ich kenne inzwischen viele Ältere, die sagen, sie würden für Obama stimmen", sagt Snatchko.