Wir stehen in einem weitläufigen Garten, im Hintergrund unter hohen Bäumen das weiße, lang gestreckte Holzhaus mit dem Schindeldach. An diesem Ort ist der Maler seit mehr als 40 Jahren zu Hause.

Alex Colville, 88 Jahre alt, magischer Realist in der Tradition Edward Hoppers, ist einer der bedeutendsten Maler Kanadas. Seine präzisen Momentaufnahmen sind in seiner Heimat allgegenwärtig – auf Briefmarken und Münzen, auf Bucheinbänden und Schallplattencovern. Seine Arbeiten hängen in bedeutenden Museen und Privatsammlungen weltweit. Doch kennt Colville auch die Kehrseite der Medaille. "Für manche Leute ist meine Arbeit purer Müll", sagt der alte Herr in Richtung des weißen Terriers zu seinen Füßen. "Die denken ›Weiß dieser Trottel denn nicht, dass das längst out ist, was er da macht?‹" Seine Gelassenheit und eine Spur Koketterie lassen ihn plötzlich unglaublich jung aussehen.

Tatsächlich scheinen die alltäglichen Szenen, die Colville in seinen Arbeiten einfängt, aus einer untergegangenen Welt zu stammen. Er findet sie an Orten wie der beschaulichen Universitätsstadt Wolfville mit ihren Studenten der Upperclass, der zurückgezogen lebenden Professorenschaft und den vielen Ruheständlern, am Evangeline Beach mit der Silhouette des Cape Blomidon in weiter Ferne.

Colville bezeichnet sich selbst gern als "gemäßigten Bourgeois" und zieht den Vergleich zu den Alten Meistern niederländischer Tradition, doch seine Welt besteht nicht aus Wildbret, Glas, Zinn und Damast, sondern aus Autos, Booten, Flugzeugen und Waffen. Bei aller Ruhe und Weltabgeschiedenheit, die seine Bilder ausstrahlen, sind sie in ihrer Präzision immer auch beunruhigend, zeigen die Verletzlichkeit dieses heilen Winkels an der kanadischen Atlantikküste.

Als offizieller Kriegsmaler der kanadischen Armee hatte Alex Colville selbst erlebt, wie blitzartig vermeintliche Ruhe in Chaos und Barbarei umschlagen können. Als er 1946 nach Kanada zurückkehrte, trug er die Bilder des Konzentrationslagers Bergen Belsen in sich, das er wenige Tage nach dessen Befreiung besucht hatte.

Alex Colville arbeitet nach dem Credo: "Als guter Realist muss ich die Welt neu erfinden", und wer erfindet, läuft kaum Gefahr, in der Vergangenheit zu verharren.

Das Atelier, in dem er seine Welt erschafft, ist erstaunlich klein. Mit dem Waschbecken und der desinfizierenden Flüssigseife, dem beiläufig über den Stuhl geworfenen weißen Kittel könnte der Raum ein Behandlungszimmer oder Laboratorium sein, wären da nicht außer dem kleinen Schreibtisch für die Korrespondenz auch eine Wandstaffelei und ein Stehpult. Auf dem Pult liegt eine Brille mit Uhrmacherlupe, die verrät, dass es hier nicht um Farbauftrag "alla prima" geht, sondern um konzentrierte Feinarbeit. Neben Tuschestiften unterschiedlicher Strichstärken liegen Spritzen und Kanülen bereit, die zur genauen Dosierung von Lasuren und Emulsionen dienen.