Am Anfang ist die bayerische Bilderbuchbergwelt noch in Ordnung: Weiß glüht die Sonne über den Gipfeln, innig schmiegt sich die Almhütte an die Felsen. Im Visier einer Jägermeute blitzen Geweihe auf. Ein Schuss, und schon sinkt ein Hirsch zu Boden. Ein anderer streift den Wilderer Brandner Kaspar (Franz Xaver Kroetz). Fast triumphal wird der nur leicht Versehrte von seinen Freunden auf einer Bahre in seine Hütte getragen. Doch dann schlägt in die Idylle der Blitz ein: Nebel wabern, Wolken wogen – und auf einmal sitzt er da, der ungebetene Gast Tod (Michael Bully Herbig), in der guten Stube. Doch sein neuer Kunde, der Brandner Kaspar, macht partout keine Anstalten zu einem Abgang.

Der Regisseur Joseph Vilsmaier hält sich mit Die Geschichte vom Brandner Kaspar eng an die im bayrischen Dialekt geschriebene Urfassung des Stoffes von 1871. In seiner G’schicht vom Brandner Kaspar erzählt Franz von Kobell auf wenigen Seiten, wie der Tegernseer Büchsenmacher dem Tod, bayerisch Boanlkramer, mit Schnaps und gezinkten Karten weitere Jahre Lebenszeit abluchst. Die fantastische Mär vom Dickschädel, der mit Chuzpe und Schlauheit den Tod überlistet, trifft ins Mark bajuwarischen Wesens und Selbstverständnisses und ist seitdem zum Mythos geworden. Zahlreiche Dramatisierungen und Verfilmungen belebten und variierten den ungleichen Kampf des kleinen Mannes mit den Himmelsmächten. Vilsmaier selbst hatte bereits 1949 als Kind die Dreharbeiten zu der Kino-Adaption Der Brandner Kaspar schaut ins Paradies mit Paul Hörbiger miterlebt.

Fast 60 Jahre später nutzt er in seiner eigenen Verfilmung vor allem die authentische Bergkulisse. Mit raschen Szenenwechseln springt er von Wald zu Almwiese zu Bergdorf – ohne dabei je die Nähe zum Kammerspiel zu verleugnen. Das Schachern mit dem Tod inszeniert er vor allem als Duell der beiden Hauptdarsteller. Kroetz und Herbig.

Nebenbei werden die ewigen großen Fragen verhandelt: Ist es sinnvoll, das Leben ad infinitum zu verlängern? Haben wir ein Recht, den Zeitpunkt und die Art und Weise unseres Todes zu bestimmen? Wie ist unsere Vorstellung vom Paradies, und wie halten wir es mit der Hölle? Aus der den überirdischen Mächten abgetrotzten Lebenszeit vermag der Brandner Kaspar allerdings nur kurz Vorteil zu schlagen.

In der zweiten Hälfte des Films implodiert die Komödie allmählich, um Raum für die Tragödie zu schaffen. Den Rebellen wider die Weltordnung müssen die Götter bestrafen, auf dass alles wieder in den gewohnten Bahnen weiterlaufe. Dass der Brandner Kaspar doch noch im Paradies und nicht in der Hölle landet, verdanken wir allein dem allen Märchen geschuldeten guten Ende.