Der Coup – Seite 1

China hat derzeit ein recht einmaliges Problem. Während andere große Volkswirtschaften ganz andere Sorgen plagen, fragt man sich dort: Wohin bloß mit den Gewinnen? Voraussichtlich noch in diesem Jahr wird China mehr als zwei Billionen Dollar Devisenreserven besitzen. Lange war es eine sichere Sache, in amerikanische Staatsanleihen zu investieren. Sie hatten den Vorteil, gleichzeitig das eigene Exportgeschäft zu fördern, weil die Amerikaner mit dem geliehenen Geld in China auf Großeinkauf gehen konnten.

Das galt zumindest vor der Finanzkrise. Jetzt sind Alternativen gefragt, zum Beispiel mehr Geld in Bodenschätze und Fördertechnologie zu stecken. Damit können sich zum einen die Rücklagen vermehren, zum anderen kann sich das immer noch boomende Land in Energiefragen unabhängiger machen. Die China National Offshore Oil Corporation (Cnooc) ist eines der wichtigsten Unternehmen, wenn es darum geht, diese Ziele zu verwirklichen. Cnooc ist nach Sinopec und der China National Petroleum Corporation (CNPC) zwar nur der drittgrößte Ölmulti Chinas, aber der international wendigste. Das Unternehmen ist vor allem in Afrika, aber auch in Iran engagiert.

Die Chinesen lassen sich das Tiefbohr-Know-how etwas kosten

Cnooc braucht dazu nicht einmal staatliche Devisenreserven – vorerst zumindest nicht. Im vergangenen Jahr hat die Offshore Oil Corporation umgerechnet etwa 5,2 Milliarden Euro Gewinn gemacht, und im ersten Halbjahr 2008 verdoppelte sich die Marge fast noch einmal. Seit das Unternehmen 2001 mit großem Erfolg in New York und Hongkong an die Börse ging, wächst es im Schnitt um 37 Prozent im Jahr.

Doch selbst mit viel Geld ist es nicht so einfach, sich international vorzuarbeiten. Vor allem wenn man Fördertechnologie braucht. Die gibt’s im Westen, und dessen Regierungen mauern.

Doch nun haben die Chinesen den Widerstand geschickt gebrochen. Während die westliche Welt mit der Finanzkrise beschäftigt ist, hat der Ölkonzern einen Coup eingefädelt. Bereits Ende Juli hat die China Oilfield Services (COSL), eine Tochter der Cnooc, unter dem Strich umgerechnet 2,4 Milliarden Euro für den norwegischen Öl- und Gasförderer Awilco Offshore geboten. Die Chinesen geizten beim Kaufpreis nicht und boten den Aktionären trotz der gegenwärtigen Krisenstimmung einen 19-prozentigen Aufschlag auf den Aktienwert von Anfang Juli an. Auch im September, als es richtig abwärtsging, standen die Asiaten zu ihrem Angebot.

Eine Ölplattform im Meer vor der norwegischen Küste © Marcel Mochet/​AFP/​Getty Images

Awilco besitzt sieben Bohrinseln und drei Spezialschiffe, und durch die Übernahme kann China Oilfield Services die Anzahl seiner Bohrplattformen auf 22 erhöhen. Die Awilco-Konzernleitung und die Mehrheit der Aktionäre haben Ende August grünes Licht gegeben. Die chinesische Planungs- und Entwicklungskommission hatte bereits am 28. Juli zugestimmt. Es ist eine der großen strategischen Akquisitionen in der chinesischen Wirtschaftsgeschichte. Mit der norwegischen Bohrflotte katapultieren sich die Chinesen mit einem Schlag weltweit auf Platz acht der Branche. Sie sind vor allem an der Tiefseebohrtechnik der Norweger interessiert. Während Cnooc bisher nur 500 Meter tief bohren kann, kommt Awilco bereits auf 760 Meter. Eine Anlage, die sogar 1.500 Meter schafft, wird gerade entwickelt. "Unser langfristiges Ziel ist es, bis 2020 ein Global Player als Ölbohrserviceunternehmen zu werden", sagte Zhong Hua, der Vizepräsident des Tochterunternehmens COSL, bereits Anfang Juli – und klingt dabei ganz wie ein westlicher Chef. Ein COSL-Sprecher geht davon aus, dass das Geschäft abgeschlossen wird.

Der Coup – Seite 2

Damit gelingt Cnooc in Europa in kleinerem Stil, was in den USA politisch scheiterte. Denn lange ging die Strategie der chinesischen Führung nicht auf, zwei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen und wirtschaftliche und politische Interessen miteinander zu verbinden. Bereits 2005 hatte Cnooc-Präsident Fu Chengyu 18 Milliarden US-Dollar geboten – zwei Milliarden mehr als der zweithöchste Bieter Chevron –, um den achtgrößten amerikanischen Ölhersteller Unocal zu kaufen. Es war bis dahin das größte Einzelangebot der Chinesen für ein Unternehmen im Ausland. Doch Fu und seine Berater hatten sich verschätzt: Sowohl die Bush-Regierung als auch eine große Gruppe von Demokraten und Republikanern im Kongress der USA sprachen sich gegen das Geschäft aus. Sie argumentierten, dass das Geld von der chinesischen Regierung komme und damit der Einfluss Chinas in den USA zu groß werden würde. Der Preis sei kein Marktpreis, sondern politisch kalkuliert. Das sei ein Sicherheitsrisiko, befürchteten die Amerikaner, weil damit wichtige Tiefseebohrungstechnologie in die Hände der Chinesen geraten würde. Ein Kongressabgeordneter führte an, dass Peking es amerikanischen Unternehmen auch nicht gestattet, sich in chinesische Ölunternehmen einzukaufen.

Die Chinesen waren lange siegesgewiss, da sie wussten, dass es keine legale Möglichkeit gab, das Geschäft zu stoppen. Doch die Amerikaner wussten sich zu helfen. Der Kongress kündigte ausführliche Untersuchungen an – der Kauf hätte sich um Jahre verzögert. Um einen größeren politischen Aufruhr zu vermeiden, entschied die chinesische Regierung, Fu davon zu überzeugen, das Kaufangebot zurückzuziehen. "Ich habe kein Talent für Politik, es geht bei dem Deal nur ums Geschäft", wehrte sich Fu damals vergeblich. Die Idee sei allein im Unternehmen geboren. "Die Regierung ist nicht involviert, und nicht ein Cent Regierungsgeld ist in dem Deal versteckt." Dass er sich sein Vorhaben nicht vorher bei der Zentralregierung hat genehmigen lassen, ist jedoch kaum denkbar. Der Staat hält 70 Prozent an Cnooc. Die Kommission, die im chinesischen Staatsrat angesiedelt ist, nutzte sicherlich ihre Anteilsrechte, um im Auftrag des Staates zu handeln. Und sie würde im Zweifel auch mit Geld aushelfen.

Selbst mit den Russen war Anfang dieses Jahres ein Geschäft an politischen Widerständen gescheitert. Fu wollte einen Anteil an dem russischen Ölunternehmen STU kaufen, einer Tochtergesellschaft der TNK-BP.

Nun ist der ehrgeizige Präsident Fu doch an das Tiefbohr-Know-how gelangt. Und er hat sich über Umwege auch noch in ein amerikanisches Unternehmen eingekauft. Awilco hält 50 Prozent an der amerikanischen Fördergesellschaft Premium Drilling, ein Meilenstein für die chinesische Ölindustrie. Denn mit der neuen Technologie ist es möglich, sieben Prozent mehr chinesische Reserven anzubohren.

Geld verdient nur, wer Gas und Öl auch verarbeiten kann

In Südostasien, im Nahen Osten, in Russland, Afrika und den USA sucht Fu weiter nach Beteiligungsmöglichkeiten. Cnooc hat die Phase, in der es Öl nur förderte und nach China verschiffte, längst hinter sich. Großes Geld verdient man in dieser Branche nur, wenn man das geförderte Öl und Gas auch verarbeitet. 2007 gelang Fu in dieser Hinsicht der Durchbruch: Erstmals verdiente er an der Verarbeitung von Öl und Gas mehr als mit der Förderung.

Der Druck für die chinesische Ölindustrie, sich international zu vernetzen, ist groß. Wenn die gegenwärtigen Trends unverändert bleiben, werden bis zum Jahr 2020 rund 66 Prozent des chinesischen Ölverbrauchs durch Importe gedeckt werden müssen – heute sind es 40 Prozent. "Die chinesische Nachfrage ist die treibende Kraft hinter dem steigenden Bedarf weltweit", fasst ein Bericht der Internationalen Energiebehörde in Paris die Weltöllage zusammen.

Der Coup – Seite 3

Fu ist der richtige Mann für das Entwicklungstempo. Seine Eltern waren so arm, dass er als Kind Eier gegen Schulhefte tauschen musste. Er wurde groß in der Provinz Heilongjiang, einer maoistischen Industriezone im Norden Chinas. Damals hätte er sich nicht träumen lassen, dass er einmal einen Master als Ingenieur der Petrochemie an der Universität von Südkalifornien in Los Angeles machen, geschweige denn Parteisekretär und gleichzeitig Chef eines der größten chinesischen Öl- und Gaskonzerne werden würde. Wenn er weiter so erfolgreich ist, darf er Politiker werden. Sein Vorgänger hat es immerhin zum Provinzgouverneur der boomenden Tropeninsel Hainan geschafft.