Wer porträtiert, ist zumeist parasitär. Er trifft eine Person, die von öffentlichem Interesse ist, und indem er über sie schreibt, hofft er, es möge ein Stück der Bedeutsamkeit auch auf ihn abfallen. Sich auf ein Porträt einzulassen ist nicht nur deshalb ein Pakt mit dem Teufel. Der Porträtist hat Macht, da sei- ne Beobachtungen unwiderlegbar sind; gegen die Schlussfolgerungen, die er aus einer wegwerfenden Handbewegung des Porträtierten, seinem geräuschvollen Schnäuzen, seinem Wutausbruch zieht, ist Letzterer machtlos.

Und unzulänglich ist das Werk, das dabei herauskommt, ohnehin: immer nur ein verfälschtes Abbild, nur die nie ganz gelungene Kopie eines wirklichen Menschen. Schon deshalb, da derjenige, der porträtiert, im Gegenüber nach dem Bruch im Lebenslauf sucht, der zum Erzählanker werden kann: ein Kriegserlebnis; eine große, gescheiterte Liebe; ein Abstiegs- oder ein Aufstiegserlebnis; der Erfolg, der alles veränderte, was vormals war; der Ruhm, der sich einstellte und an dem der Porträtierte zerbrach oder eben nicht. Kein Porträt ist frei von Zurichtung, täuscht aber Gegenteiliges vor, vorzugsweise, indem das "ich" eliminiert ist: Wo das "man" und Passivkonstruktionen dominieren, soll objektiv und uneitel wirken, was subjektiv und eitel ist.

Einfach war es nicht. "Herr Kehlmann hat beschlossen, mit Journalisten derzeit nicht zu sprechen." Die Pressefrau klang nicht unfreundlich. Ich insistierte: Es würde gewiss nicht lange dauern, ein rascher Kaffee nur an irgendeinem Bahnhof, Herr Kehlmann sei doch oft unterwegs, wegen seiner Lesungen. Dann noch ein eiliges Foto, und Herr Kehlmann müsste nur… Da hatte sie auch schon aufgelegt. Vielleicht war auch nur die Verbindung unterbrochen.

Das war vor mehr als einem Jahr, Die Vermessung der Welt war noch immer auf der Bestsellerliste und hat sich bis heute insgesamt beinahe zwei Millionen Mal verkauft.

Sie verschränkt die Biografie des sesshaften Mathematikers und Astronomen Carl Friedrich Gauß mit derjenigen Alexander von Humboldts, der zwecks Naturerforschung Lateinamerika bereiste. Zwei deutsche Wissenschaftler in der Blütezeit Weimarer Klassizität. Der eine, Gauß, leidet an den Zumutungen des Alters, am Gefangensein in einem schwachen Körper, der dem reinen Geist eine Frechheit ist. Der andere, Humboldt, leidet auf seinen Reisen unter Flöhen zwischen den Zehen, an ihn begehrenden Frauen, an heftigen Gewittern über dem reißenden Strom Orinoko, den er, durchnässt bis auf die Knochen, doch stets in preußischer Uniform gekleidet, bezwingt.

Der Philosoph Helmuth Plessner schrieb, dass jeder an einem bestimmten Punkt "die Karikatur seiner selbst" wird, da das Innere, das man zur Sprache bringen möchte, an den Grenzen des Körpers und dessen begrenzten Ausdrucksmöglichkeiten bisweilen zerschelle; ein Umstand, der Grundlage aller Komik der Anschauung sei. Den ästhetischen Beweis dieses Gedankens lieferte Daniel Kehlmann in der Vermessung der Welt. Und zeigte zudem, dass sich eine ironische Verarbeitung bürgerlichen Bildungsguts, auf das man sich wieder besonnen hatte, unglaublich gut verkaufen lässt.

Ein Porträt des erfolgreichsten deutschsprachigen Autors im ZEITmagazin hätte also gut gepasst. Was der Erfolg mit einem mache, wäre natürlich das Thema gewesen. Ob er einen nicht unter fürchterlichen Erwartungsdruck stelle, einen korrumpiere. Überall sah man diese riesigen Stapel in den Buchläden. Ein Vulkan auf dem Buchcover, darüber schwingt sich eine geometrische Figur in den Himmel.

Ich schrieb eine sehr lange E-Mail. Das Treffen müsse ja nicht sofort sein, überhaupt sei ein langfristiges Projekt vorstellbar! Ganz angelegt auf das nächste Buch. Das sei doch bestimmt schon in Vorbereitung. Ich würde von Berlin aus nach Wien, seinem Wohnort, reisen! Wir könnten einen Spaziergang durch den Ersten Bezirk machen, Schnitzel oder Tafelspitz in Kaffeehäusern auf Kosten des ZEITmagazins essen usw.

Daniel Kehlmann schlug ein Treffen in Kreuzberg vor. Da habe er seinen zweiten Wohnsitz. Monate später war es so weit: In scharfen Kanten legten sich frühsommerliche Schatten auf den Chamissoplatz. Es war Nachmittag. Eine ruhige, beinahe noble Ecke, gründlich gentrifiziert: Väter mit Kinderwagen, Cafés, in denen peinlichstes Rauchverbot herrschte – und das italienische Restaurant Grünfisch. Daniel Kehlmann, leicht verspätet, steuerte eiligen Schrittes auf die rot-weiß kariert bespannten Tische zu, die auf dem Trottoir standen, grüßte heiter, entledigte sich einer Lederjacke, setzte sich, blätterte in der Speisekarte, sagte, er sei froh, dass man sich für die Vorplanung eines langwierigen Unternehmens treffe. Nur deshalb habe er, nach reiflicher Überlegung, zugesagt. Zu oft habe er Porträts nach nur einer Begegnung über sich lesen müssen, die notgedrungen Nichtigem eine übergroße, ja symbolische Bedeutung zumaßen: was er während des Treffens gegessen habe zum Beispiel. Und wie.