Wer porträtiert, ist zumeist parasitär. Er trifft eine Person, die von öffentlichem Interesse ist, und indem er über sie schreibt, hofft er, es möge ein Stück der Bedeutsamkeit auch auf ihn abfallen. Sich auf ein Porträt einzulassen ist nicht nur deshalb ein Pakt mit dem Teufel. Der Porträtist hat Macht, da sei- ne Beobachtungen unwiderlegbar sind; gegen die Schlussfolgerungen, die er aus einer wegwerfenden Handbewegung des Porträtierten, seinem geräuschvollen Schnäuzen, seinem Wutausbruch zieht, ist Letzterer machtlos.

Und unzulänglich ist das Werk, das dabei herauskommt, ohnehin: immer nur ein verfälschtes Abbild, nur die nie ganz gelungene Kopie eines wirklichen Menschen. Schon deshalb, da derjenige, der porträtiert, im Gegenüber nach dem Bruch im Lebenslauf sucht, der zum Erzählanker werden kann: ein Kriegserlebnis; eine große, gescheiterte Liebe; ein Abstiegs- oder ein Aufstiegserlebnis; der Erfolg, der alles veränderte, was vormals war; der Ruhm, der sich einstellte und an dem der Porträtierte zerbrach oder eben nicht. Kein Porträt ist frei von Zurichtung, täuscht aber Gegenteiliges vor, vorzugsweise, indem das "ich" eliminiert ist: Wo das "man" und Passivkonstruktionen dominieren, soll objektiv und uneitel wirken, was subjektiv und eitel ist.

Einfach war es nicht. "Herr Kehlmann hat beschlossen, mit Journalisten derzeit nicht zu sprechen." Die Pressefrau klang nicht unfreundlich. Ich insistierte: Es würde gewiss nicht lange dauern, ein rascher Kaffee nur an irgendeinem Bahnhof, Herr Kehlmann sei doch oft unterwegs, wegen seiner Lesungen. Dann noch ein eiliges Foto, und Herr Kehlmann müsste nur… Da hatte sie auch schon aufgelegt. Vielleicht war auch nur die Verbindung unterbrochen.

Das war vor mehr als einem Jahr, Die Vermessung der Welt war noch immer auf der Bestsellerliste und hat sich bis heute insgesamt beinahe zwei Millionen Mal verkauft.

Sie verschränkt die Biografie des sesshaften Mathematikers und Astronomen Carl Friedrich Gauß mit derjenigen Alexander von Humboldts, der zwecks Naturerforschung Lateinamerika bereiste. Zwei deutsche Wissenschaftler in der Blütezeit Weimarer Klassizität. Der eine, Gauß, leidet an den Zumutungen des Alters, am Gefangensein in einem schwachen Körper, der dem reinen Geist eine Frechheit ist. Der andere, Humboldt, leidet auf seinen Reisen unter Flöhen zwischen den Zehen, an ihn begehrenden Frauen, an heftigen Gewittern über dem reißenden Strom Orinoko, den er, durchnässt bis auf die Knochen, doch stets in preußischer Uniform gekleidet, bezwingt.

Der Philosoph Helmuth Plessner schrieb, dass jeder an einem bestimmten Punkt "die Karikatur seiner selbst" wird, da das Innere, das man zur Sprache bringen möchte, an den Grenzen des Körpers und dessen begrenzten Ausdrucksmöglichkeiten bisweilen zerschelle; ein Umstand, der Grundlage aller Komik der Anschauung sei. Den ästhetischen Beweis dieses Gedankens lieferte Daniel Kehlmann in der Vermessung der Welt. Und zeigte zudem, dass sich eine ironische Verarbeitung bürgerlichen Bildungsguts, auf das man sich wieder besonnen hatte, unglaublich gut verkaufen lässt.

Ein Porträt des erfolgreichsten deutschsprachigen Autors im ZEITmagazin hätte also gut gepasst. Was der Erfolg mit einem mache, wäre natürlich das Thema gewesen. Ob er einen nicht unter fürchterlichen Erwartungsdruck stelle, einen korrumpiere. Überall sah man diese riesigen Stapel in den Buchläden. Ein Vulkan auf dem Buchcover, darüber schwingt sich eine geometrische Figur in den Himmel.

Ich schrieb eine sehr lange E-Mail. Das Treffen müsse ja nicht sofort sein, überhaupt sei ein langfristiges Projekt vorstellbar! Ganz angelegt auf das nächste Buch. Das sei doch bestimmt schon in Vorbereitung. Ich würde von Berlin aus nach Wien, seinem Wohnort, reisen! Wir könnten einen Spaziergang durch den Ersten Bezirk machen, Schnitzel oder Tafelspitz in Kaffeehäusern auf Kosten des ZEITmagazins essen usw.

Daniel Kehlmann schlug ein Treffen in Kreuzberg vor. Da habe er seinen zweiten Wohnsitz. Monate später war es so weit: In scharfen Kanten legten sich frühsommerliche Schatten auf den Chamissoplatz. Es war Nachmittag. Eine ruhige, beinahe noble Ecke, gründlich gentrifiziert: Väter mit Kinderwagen, Cafés, in denen peinlichstes Rauchverbot herrschte – und das italienische Restaurant Grünfisch. Daniel Kehlmann, leicht verspätet, steuerte eiligen Schrittes auf die rot-weiß kariert bespannten Tische zu, die auf dem Trottoir standen, grüßte heiter, entledigte sich einer Lederjacke, setzte sich, blätterte in der Speisekarte, sagte, er sei froh, dass man sich für die Vorplanung eines langwierigen Unternehmens treffe. Nur deshalb habe er, nach reiflicher Überlegung, zugesagt. Zu oft habe er Porträts nach nur einer Begegnung über sich lesen müssen, die notgedrungen Nichtigem eine übergroße, ja symbolische Bedeutung zumaßen: was er während des Treffens gegessen habe zum Beispiel. Und wie.

 

Daniel Kehlmann aß mit Appetit. Es war Schweinefilet im Parmamantel mit Marsalasoße an gratinierter Polenta gereicht worden. Schmackhaft sei das, sagte er zufrieden und ergänzte, dass ihm geraten worden sei, derzeit von Presseterminen abzusehen. Freunde sagten, er sei ungut oft in der Zeitung. Jetzt mache er sich also rar. Er habe natürlich immer mit großer Aufmerksamkeit gelesen, was über ihn geschrieben worden sei und noch immer werde. Dass er ein "Wunderkind" sei. Und: ein "Jungstar." Kehlmann runzelte die Stirn, kaute. Dann: Er sei 32! Mit 32 habe, wenn er sich nicht täusche, Jesus seine Bergpredigt gehalten. Er habe noch keinen sagen hören, das sei ein Jungprophet gewesen. Das Wunderkind-Image sei schon deshalb irreführend, da er, Kehlmann, über eine lange Zeit hinweg keineswegs erfolgreich gewesen sei. Er habe in seiner Schriftstellerexistenz durchaus gedarbt. Aber das sehe niemand mehr. Oft habe er deshalb an einen Satz denken müssen, den ihm ein Jahr zuvor in väterlicher Manier Günter Grass auf einer Geburtstagsfeier von Siegfried Lenz gesagt habe: "Jetzt beginnt für Sie die Zeit, wo alle mehr über Sie wissen als Sie selber."

Im Rückblick könnten wir unseren Lebensweg nur unter dem Anschein "anscheinender Absichtlichkeit" betrachten, ergänzte Kehlmann mit einem Zitat Arthur Schopenhauers. Im Rückblick erscheine nichts zufällig, sondern stringent. Dabei hätte seine Karriere sich so fortsetzen können, wie sie einst begann.

Sein erstes Buch, der Roman Beerholms Vorstellung, war in dem kleinen Wiener Verlag Deuticke erschienen. Kehlmann war 22 Jahre alt und hatte die Geschichte eines Zauberers, dem Täuschung und Wahrheit in eins verschwimmen, geschrieben. Verkauft hat es sich kaum. Sein zweites Buch Unter der Sonne, ein Erzählband, so gut wie gar nicht. Doch haben die Bücher Thorsten Ahrend gefallen, seinerzeit Lektor beim Suhrkamp Verlag, und bald darauf erblickte Kehlmann die ebenmäßige, aber erstaunlich kleine Unterschrift Siegfried Unselds unter einem Vertrag zu seinem neuen Buch Mahlers Zeit. Vom Größenwahn handelt es, von einem Physiker, der das Geheimnis der Zeit gelüftet zu haben behauptet und von dem man nicht weiß, ob eine Erleuchtung ihn ergriffen hat oder geistige Zerrüttung. Dank Suhrkamp gab es immerhin Lesungen: "Leere Bibliotheksräume, leere Literaturhäuser, leere Buchhandlungen." Der Blick des Dichters auf Stühle, auf denen niemand saß, von Veranstaltern per Handy hektisch herbeizitierte Verwandte, die mit kaum verhohlener Ungeduld seinen Vortrag absaßen.

Mahlers Zeit war ein erstaunlicher Misserfolg. Erstaunlich, da vor neun Jahren, als der Roman erschien, junge Autoren und Debütanten heftig gefeiert wurden und enorme Honorare einstrichen. Kehlmanns Romane, die den Grenzbereich zwischen Wirklichkeit und Traum abschreiten, die den Wahnsinn der Genies und philosophische Paradoxien umkreisen, fielen aus der Zeit. Diese gehörte der Popliteratur, die sich der Oberfläche des Konsums zugewandt hatte, dem dekadenten Plauderton in Bars von Berlin-Mitte. Kehlmann war unter seinen Kollegen ein Nerd inmitten von Stars, traurig hochgebildet, enorm belesen, ausgestattet mit einem Literatur- und Philosophiestudium, einer abgebrochenen Promotion über Kant und drei Büchern, die keine Leser fanden.

Noch ein Versuch: Der fernste Ort. Eines von Kehlmanns waghalsigsten Büchern, es erzählt vom Leben des Versicherungsangestellten Julian, der auf den ersten Seiten einen Schwimmunfall erleidet und von dem man an keiner weiteren Stelle dieser Novelle recht weiß, ob er noch lebendig ist oder als Gespenst existiert. Der Band lag eine Weile in wenig frequentierten Nischen von Buchhandlungen herum, bis er verschwand, als wäre er nie geschrieben worden. Es habe damals Tage gegeben, da habe er, sagte Kehlmann lachend, nicht gut einschlafen können.

Die Teller wurden abgeräumt, und Daniel Kehlmann bestellte einen Espresso zur Abrundung des Mittagessens. Dann nickte er, lächelte freundlich, höflich auf Fragen wartend. Überhaupt muss man sich Daniel Kehlmann als wohlerzogenen Menschen vorstellen, ohne Hang zum großen Auftritt, unprätentiös, beinahe etwas scheu, von bisweilen langarmiger Unbeholfenheit in seinen Gesten, was auf angenehme Weise unperfekt wirkt, unverstellt. Im Gespräch eher suchend, sich herantastend, frei von polternden Gewissheiten. Und der zur großen Lebhaftigkeit erst neigt, wenn ihm ein Wort einfällt, das ihn begeistert, ein Satz, der ihm gefällt.

Einmal während unserer Begegnungen sinnierte er lange über das Wort "ungut", weshalb es sich weitaus komischer anhöre als das Wort "schlecht". Ein andermal über einen Satz, den ihm auf einer Veranstaltung der vor einem Jahr verstorbene amerikanische Schriftsteller Norman Mailer gesagt hatte. Die beiden Autoren sprachen über den lakonischen Stil der Gegenwartsliteratur, die jede Bedeutungsschwere zwischen den Zeilen verstecke, was angeblich so eine große Kunst sei, über die allseits vorherrschenden Alltagsbeobachtungen in kurzen Sätzen nach dem Vorbild Hemingways und Raymond Carvers. Die Literatur werde dominiert von deren schlechten Nachahmern, habe Mailer Kehlmann gesagt und misslaunig ergänzt: "People make too much of a simple style" – die Leute überschätzten die Einfachheit.

In Kreuzberg aber waren es Gedanken über den "Erfolg", die Kehlmann bannten. Der Erfolg, der die Vergangenheit umschreibe, sie weichzeichne als notwendiges Vorstadium zum großen Durchbruch, den er erlebte. Und zwar nicht nur im Guten: "Das Klischee besagt, dass Misserfolg bescheiden macht und Erfolg großkotzig." Doch das Gegenteil sei wahr. Misserfolg mache bitter, unangenehm, arrogant, klug und aufmerksam. Erfolg hingegen mild und versöhnlich, mit ihm sei die Eitelkeit gestillt, die Wut, doch leider auch der Ehrgeiz.

Ende 2004 hat Daniel Kehlmann Die Vermessung der Welt abgeschlossen. "Und seither, seit nunmehr also zweieinhalb Jahren, habe ich die meiste Zeit nichts geschrieben, was ich als gelungen erachten würde." Doch noch habe er die Nerven nicht verloren und nicht das Grundvertrauen ins Schreiben. Seit einigen Tagen denke er sogar, dass Passagen wieder gelingen, Erzählfäden sich fortspinnen zu etwas Neuem, zu etwas Großem.

 

Ob er schon wisse, wie das neue Buch heißen könnte, wollte ich wissen. Mit dem Titel beginne doch häufig alles. Widerwillig blickte Kehlmann von der Tischdecke auf, sagte: "Ruhm."

Das erste Buch, mit dem sich Daniel Kehlmann auf dem Markt etablieren konnte, war Ich und Kaminski, 2003, also zwei Jahre vor der Vermessung der Welt, erschienen. Ich und Kaminski war in der Literatursendung Elke Heidenreichs vom Gast Marcel Reich-Ranicki lebhaft gelobt worden, was sich verkaufsfördernd auswirkte. Sebastian Zöllner heißt darin der Journalist, der dem alten Maler Manuel Kaminski für eine Biografie noch die zartesten Geheimnisse des Lebens zu entreißen sucht. Eine Grundsituation, die Kehlmann, perspektivisch gewendet, in einer Erzählung erneut aufgegriffen hat. Sie heißt Sein Porträt, wurde für das ZEITmagazin verfasst und ist diesem Porträt über Kehlmann vorangestellt. Sein Porträt beginnt folgendermaßen: "Ein Magazin wollte ein Porträt über Leo Richter veröffentlichen: acht Seiten, zwei große Fotos, vielleicht sogar sein Bild auf dem Cover. Ohne zu zögern, sagte er zu, und sofort bereute er es."

Leo Richter ist Schriftsteller, ein Protagonist aus Daniel Kehlmanns neuem Buch Ruhm, das im Januar im Rowohlt Verlag erscheinen wird. Er hat sich vorab in dieses Magazin und damit in eine weitere, eigenständige Geschichte verirrt. Entstanden war die Idee zu diesem Projekt in einem Wiener Kaffeehaus, im Café Eiles im Bezirk Josefstadt, in dem wir uns für eine zweite Begegnung zum Tafelspitz verabredet hatten.

Der alte Kellner hatte einen bereits leicht zitternden Gang, und doch wirkte er nicht unsouverän. Er trug, nur leicht gebückt, auf einem Tablett immerhin mehrere Flaschen und Tassen durch den stark verrauchten Saal, vorbei an Stühlen, Tischen, Sitzecken, die von recht betagten Besuchern bevölkert waren. Herren, deren Hosenträger spannten, blätterten mit befeuchteten Zeigefingern und großer Ernsthaftigkeit durch Zeitungen, eine alte Dame mit violett gefärbtem hochgestecktem Haar führte ein leises, aber zorniges Selbstgespräch. Kehlmanns Hund Nuschki, ein kleiner Mischling, beschnupperte knurrend den Hosensaum des Kellners, der mit unbewegter Miene sehr langsam Limonade und Kaffee auf dem kleinen Tisch abstellte, bis er sich mit kleinen Schritten, die eine hohe Geschwindigkeit vortäuschten, wieder anderen Gästen zuwandte.

Den Hund, sagte Kehlmann, habe er mitgebracht, da er sich womöglich gut für dieses Porträt eigne. Immer diese Trinkerei und Esserei, da belebe ein Hund die Szenerie. Er habe Nuschki, dieses Waisenkind, mit seiner Frau, einer spanischen Diplomatin, in ihrem Heimatland aufgefunden. Sie arbeite derzeit übrigens in Kasachstan, bedauerlicherweise habe er dort auch Weihnachten feiern müssen, in der verschneiten Stadt Astana, in der sich ein Besuch, wenn dort nicht gerade der eigene Partner lebe, nur sehr eingeschränkt lohne.

Es war der Januar 2008, und Kehlmann war sehr heiterer Stimmung, der Roman gedeihe, sagte er, sei bald fertig, und er gefalle ihm. Und wie es verabredet war, erzählte Kehlmann, der einen Regisseur als Vater hatte und dessen Mutter Schauspielerin ist, ausführlich von seiner Herkunft, dem großbürgerlichen Künstlerhaushalt, in den er hineingeboren wurde.

Daniel Kehlmanns Großvater väterlicherseits, Eduard Kehlmann, ein getaufter Jude, war höherer Beamter, arbeitete für das Post- und Telegrafenwesen Wiens und schrieb nebenher zwei erfolglose expressionistische Romane, die die wundersamen Titel Von Pauli bis Palmarum und Der Roman des Herrn Franziskus Höndl tragen. Durch Bestechung und Dokumentenfälschung überlebte die Familie die nationalsozialistische Herrschaft, es war ihnen gelungen, sich als Halbjuden deklarieren zu lassen. Daniel Kehlmanns Vater, der 1927 geborene Regisseur Michael Kehlmann, hatte seinem Sohn vom damals offen ausgelebten Antisemitismus der Nachbarn erzählt, die – so klischeehaft, dass es als Szene in keinem Film taugen würde – ihre Köpfe über die Gartenmauer schoben, um "Jud" zu zischen. Michael Kehlmann verkehrte in Kreisen des österreichischen Widerstandes, und während eines abendlichen Treffens, das aufgeflogen war, wurde er verhaftet und ins Lager Maria Lanzendorf gebracht, ein Nebenlager des KZs Mauthausen, das er kurz vor Ende des Krieges mithilfe von Bestechungsgeldern der Familie verlassen konnte.

Ganz selten, erinnert sich der Sohn, habe der Vater über diese Zeit gesprochen, aber mit den Wiener Erlebnissen begründet, weshalb er nach Deutschland zog, um für das Fernsehen zu arbeiten.

Leider, sagte Daniel Kehlmann, habe sein Vater den Erfolg der Vermessung nicht mehr recht mitbekommen, die letzten Jahre seines Lebens sei er demenzkrank gewesen und im Dezember 2005 verstorben. Über ihn hatte Daniel Kehlmann zur Literatur gefunden: Oft saß der Vater vor Drehbüchern, die er dem Sohn mit lauter Stimme vorlas. Ein warmherziger und raumgreifender Mann sei er gewesen, der öffentliche Auftritte liebte, der sich nicht scheute, lauthals im Restaurant ein Gericht dem Kellner zurückzureichen, wenn es nicht schmeckte. In mancher Hinsicht sei er, Daniel Kehlmann, das genaue Gegenstück zu ihm. Er reagiere stark auf Peinlichkeiten, Lesungen oder Preisreden kosteten ihn einige Überwindung.

 

1981 zog die Familie nach Wien, da Michael Kehlmann das Theater in der Josefstadt leiten sollte. Dazu, sagt der Sohn, sei es aufgrund ausgedehnter und hässlicher Intrigen dann doch nicht gekommen, und obgleich dem Vater ein bereits unterschriebener Vertrag vorgelegen habe, sei er zur Aufgabe seiner Ansprüche gedrängt worden.

Einst war Michael Kehlmann ein gefeierter Regisseur gewesen, der mit der Verfilmung von Joseph Roths Roman Radetzkymarsch international berühmt wurde, doch weder das Theater war ihm noch ein Zuhause – als Verfechter werktreuer Inszenierungen galt er als gestrig – noch das Fernsehen, da er sich auf die Gattung des anspruchsvollen Fernsehspiels spezialisiert hatte, auf die Verfilmung von Gegenwartsdramatik. Diese Gattung aber war weitestgehend ausgestorben.

Er habe, sagt Daniel Kehlmann, am Beispiel seines Vaters gesehen, wie Erfolg abklingen könne, wenn der Zeitgeist sich entferne von einem. Dann schimpfte Daniel Kehlmann noch auf Wien, auf Österreich, die Verkommenheit dieses Landes, die enorm verbreitete Hinterhältigkeit und Provinzialität, und es sei ihm völlig egal, dass dieses Schimpfen klischeehafte Züge trage und seit alters sozusagen eine Spezialität in Österreich beheimateter Schriftsteller sei. Naturgemäß, sagte Kehlmann, habe sich die Vermessung der Welt in Österreich längst nicht so blendend verkauft wie in anderen Ländern.

(Fünf Monate später, das sei vorausgreifend in Klammern erzählt, war Fußball-Europameisterschaft. Wieder saß man essend in einem Restaurant, diesmal in Berlin-Mitte, und ich schlug vor, auf der Suche nach passenden Szenen für das Porträt sich doch das Spiel Österreich gegen Deutschland anzuschauen. Da habe er gewiss Bemerkungen zu machen, die zitierwürdig sein dürften. Kurz darauf saßen wir in der Kuppel des alten Postfuhramts in der Oranienburger Straße, die einen Club beherbergte, der unter einem mächtigen Gewölbe auf Leinwänden die Spiele zeigte. Es war überfüllt, fahnenschwingende Menschen, aufgeregtes Trinken aus Bierflaschen. Als Deutschland in einem bestürzend langweiligen Spiel ein Tor schoss und damit gewann, sagte Kehlmann: "Das reicht nicht! Wenn Österreich nur 1:0 verliert, werden sie das noch Jahre später als Sieg begreifen!" Dann, nach einer Pause: "Schreiben Sie das bitte auf." Nach Abpfiff kam Alexander Osang auf Kehlmann zu, Starreporter des Spiegels, zufällig auch hier, er deutete eine Verbeugung an, drückte Kehlmann die Hand. So auch andere Journalisten, die, so schien es, in Osangs Gefolgschaft das Spiel verfolgt hatten.)

Der Abend in Wien endete mit obergärigem Bier in einer Gaststätte, die von einer sehr dunklen Holzvertäfelung dominiert wurde. Kehlmann stellte mir zwei seiner Freunde vor, die er schon seit Studienzeiten kennt und die, ihm nicht unähnlich, sehr höflich und von heiterem Wesen waren. Der eine arbeitet für das österreichische Normungsamt, das Vermessungen verwaltet, der andere ist Programmierer geworden. Kehlmanns Freunde… Stimmen von Wegbegleitern könnten womöglich Anekdoten liefern, um das, was seine Persönlichkeit ausmacht, zu verdichten.

Die erste Frage war naheliegend: Wie sich Daniel Kehlmann verändert habe mit dem Erfolg? Der Programmierer blickte ratlos in die Runde, sagte: "Gar nicht." Der Vermesser lachte, da müsse er passen.

Zweiter Versuch: Ob ihnen, den langjährigen Freunden, eine Anekdote zu Kehlmann einfalle, die ihnen besonders prägnant im Gedächtnis haften geblieben sei? Die Freunde beratschlagten und überlegten, der Programmierer sagte: "Nein."

Der Vermesser erzählte, er sei einst mit Daniel Kehlmann spontan zum Wandern hinausgefahren, zu einem nahe gelegenen Berg. Sie hätten den Weg nicht gleich gefunden und an einem Bauernhof angehalten. Der Bauer stand am Wegesrand, Kehlmann öffnete das Autofenster und erkundigte sich. Dem Bauern, als er antworten wollte, sei just in diesem Moment eine Fliege in den Mund geflogen.

Am nächsten Tag suchte ich Kehlmann in seiner Wohnung im Ersten Bezirk auf. Daniel Kehlmann wohnt in einem ungewöhnlichen Haus in der Wiener Innenstadt, einem zwölfstöckigen Neusachlichkeitsbau der dreißiger Jahre. Die Wohnung karg und klar eingerichtet, das Arbeitszimmer ganz auf den großen Computer ausgerichtet. Das sei das Wesen von Freundschaft, sagte Kehlmann, sich erinnernd an den Vorabend, dass sie so schlecht erzählbar sei. Da ihr Selbstverständliches anhafte. Er hielt eine Tasse Tee in der Hand, den Einfluss des Obergärigen auskurierend. Nuschki rannte derweil aufgeregt im Flur umher, in dem sich Kartons stapelten. Sehr viele sehr große Kartons, ein mächtiger Anblick, hohe Türme.

Was darin verborgen sei, fragte ich scherzend. Ja, sagte Kehlmann, mit jeder neuen Auflage der Vermessung erhalte er vom Verlag eine Lieferung seiner Pflichtexemplare. Er wisse auch nicht recht, wohin damit.

Das werde eine gewagte Rede, die er am Augsburger Theater zu halten beabsichtige, schrieb Daniel Kehlmann einige Monate später in einer E-Mail. Für Ende Juli sei er vom Dramatiker Albert Ostermaier, dem Organisator des Festivals "Augsburg Brecht Connected", eingeladen worden.

Eine ambitionierte Veranstaltung, Herbert Grönemeyer werde per Videoübertragung Brecht singen. Unzählige Lesungen und Diskussionsrunden. Eine Spoken-Word-Performance einer eigens nach Augsburg eingeflogenen Amerikanerin werde zu bestaunen sein. Politiker würden Grußworte halten. Und er, Kehlmann, die Eröffnungsrede. Er müsse es machen, er habe zugesagt. An sich ja unangenehm, ganz grundsätzlich, diese Kulturveranstaltungen. Zeit fräßen die, eine sehr deutsche Angelegenheit sei dieses staatlich subventionierte "Anwesenheitsprinzip", dem sich Schriftsteller fügen müssten.

Die Grußworte. Dr. Kurt Gribl, Oberbürgermeister der Stadt Augsburg, blinzelte in die gefüllten Ränge, sagte in die Stille hinein, während er seine Arme ausbreitete, Augsburg sei ein Hort der Kultur, Brecht, Sohn der Stadt, ein touristischer Anziehungspunkt ersten Ranges. Albert Ostermaier, Dichter und Organisator, ein groß gewachsener Mann von existenzialistischer Hagerkeit, sprach gerührt von seiner aufopferungsvollen Arbeit in Augsburg, die er, da er sich so verausgabt habe, zwischenzeitlich gar mit einem Krankenhausaufenthalt habe bezahlen müssen. Ein Ringen um Leben und Tod! Jetzt aber sei er hier! Gerade rechtzeitig! Für Augsburg! Für Brecht! Für das Theater! Grünen-Politikerin Claudia Roth verlas ein Grußwort von Dr. Theo Zwanziger, Präsident des Deutschen Fußball-Bundes, der selbst zu kommen verhindert war, aber ausrichten ließ, dass es lustige Parallelen zwischen Fußball, dem Spiel auf dem Rasen, und Brecht, dem Spiel auf der Bühne, gebe.

 

Dann, eine Stunde war bereits vergangen, die Eröffnungsrede. Daniel Kehlmann trat im schwarzen Anzug auf die Bühne, blickte ernst und selbstbewusst ins Publikum, sagte mit fester Stimme, Brecht habe, er wolle es in Erinnerung rufen, dem Massenmörder Stalin gehuldigt. Und welches Glück wir doch alle hätten, dass die Welt nicht so geworden sei, wie er sie sich gewünscht habe, denn die seine würde keine freien Wahlen kennen und keine Meinungsfreiheit. Brecht sei nicht – eine unverhohlene Anspielung auf die Veranstaltung – das literarische Äquivalent zum Che-Guevara-Shirt. Warum stecke eigentlich, fragte er eindringlich ins Publikum hinein, bis heute so wenig Glorie darin, Anhänger der Demokratie zu sein?

Stürmischer, lang anhaltender Applaus. Ovationen. Albert Ostermaier stand von seinem Sitz in der ersten Reihe auf, wandte sich zum Publikum und strahlte, allerheftigst klatschend, in die Ränge, eine junge Frau eilte auf die Bühne und reichte Kehlmann einen knolligen Blumenstrauß. In der bald darauf folgenden Pause versammelte sich eine Traube von Theaterleuten und Zuschauern um Kehlmann. Kehlmann signierte Bücher, nahm von allen Seiten Glückwünsche zur Rede entgegen. Und eher zu sich selbst, wie im ironischen Scherz, nämlich recht fröhlich, sagte er, dass in der Kulturwelt niemand mehr irritiert werde und kein Skandal mehr möglich sei. Allgemeine Heiterkeit. Jemand umfasste seinen Oberarm, ein älterer Herr mit lauter Stimme. Er sei Augsburger! Und ein Bewunderer Brechts! Und ein Bewunderer Kehlmanns! Eine wunderbare Rede! Ob er sich vorstellen dürfe usw.

Mittlerweile hatte Daniel Kehlmann sein Buch Ruhm abgeschlossen. Ein Roman in neun Geschichten heißt es im Untertitel. Neun in sich geschlossene Geschichten, die doch miteinander verzahnt sind: Der Schriftsteller Leo Richter hält auf Auslandsreisen seine ihm peinvollen Lesungen ab. In einer anderen Geschichte rückt eine seiner literarischen Figuren ins Zentrum. Sie diskutiert lebhaft mit ihrem Schöpfer Leo Richter und wünscht sich einen anderen Handlungsverlauf. Es spukt in diesem Buch, selten nur wissen die Protagonisten, in welcher Wirklichkeit sie sich eigentlich befinden, doch sie ahnen, sie überschreiten beständig Schwellen, sie sind mal Erzählergott, dann wieder drohen sie in die Haut einer geknechteten Marionette zu fahren, einer literarischen Figur.

Daniel Kehlmann hat oft darüber gesprochen, dass er kein rechter Freund der deutschen Nachkriegsliteratur sei, sie habe stets gependelt zwischen sozialem Engagement und Lautpoesie. Er indes wolle nicht die Syntax brechen, sondern die Wirklichkeit, wie die Erzähler Südamerikas, wie Borges oder García Márquez, die an Kafka anknüpften und die Grenzen zwischen Tages- und Nachtwirklichkeit auflösten.

Ruhm ist eine unterhaltsame Fantasie über Struktur, ein Buch, das durch unerwartete Zusammenhänge eine Gesamtkomposition enthüllt und eine Welt, die fragil ist wie der Ruhm, von dem es handelt. Ein Schauspieler, weltberühmt, wird eines Tages von seinem Publikum nicht mehr erkannt, eine Schriftstellerin verschwindet in den Weiten Asiens. Letztlich sind dies Glücksmomente. Glück blitzt an Stellen in den Werken Daniel Kehlmanns und Leo Richters auf, wenn ihre Figuren mit all ihrem unstillbaren Begehren sich auflösen.

"Dieser Ehrgeiz überall, dieser Kampf, dieser Gestank nach Ehrgeiz!", heißt es in Mahlers Zeit. "Man sollte rechtzeitig aufgeben. Darauf kommt alles an: rechtzeitig aufzugeben." Der von Geltungssucht getriebene Reporter Sebastian Zöllner aus Ich und Kaminski blickt, nach den heftigsten Schicksalsschlägen, am Ende der Geschichte aufs Meer hinaus: "Der Himmel war niedrig und weit, allmählich löschten die Wellen meine Spuren aus. Die Flut kam."

Daniel Kehlmann sagte während unserer ersten Begegnung im Kreuzberger Restaurant Grünfisch, dass Ruhm nur dann erträglich sei, wenn er, wie Misserfolg, mit Gleichmut behandelt werde. Vielleicht ist dies das heimliche Zentrum seines neuen Buchs. Und damit, so absurd es klingt, wäre ein funkelndes, ein wunderbar verspieltes Alterswerk gelungen, das sich über die Gier der Jugend erhebt und das vom Kampf gegen die Angst handelt, nur die Spielfigur im parasitären Blick eines anderen zu sein. Die Geliebte von Leo Richter fleht ihn, den Autor, an: "Mach dir kein Bild von mir. Steck mich nicht in eine Geschichte." – "Aber das wärst ohnehin nicht du", erwidert dieser. "Doch. Auch wenn es nicht ich bin, bin es ich. Das weißt du genau."

Daniel Kehlmann gelang mit dem Roman "Die Vermessung der Welt" eines der erfolgreichsten Bücher der deutschen Nachkriegsliteratur. Es verkaufte sich weltweit rund zwei Millionen Mal. Im Januar erscheint sein neuer Roman, Ruhm.