Jeff Bezos scheint wieder einmal den richtigen Riecher für ein gutes Geschäft zu haben. Wie damals, in den neunziger Jahren, als er erkannte, dass das Internet zum größten Marktplatz der Welt heranwuchs. Als er den Onlineversandhändler Amazon gründete, Bücher mit der Post verschickte und damit die heile Welt der Buchhandlungen erschütterte.

Jetzt schlägt Bezos erneut die Brücke zwischen der alten Welt des bedruckten Papiers und der neuen digitalen. Die Zeit sei reif, das Buch neu zu erfinden, glaubt er. Also ließ er ein kleines Lesegerät bauen, das, von der Bibel bis zu Horrorromanen, von Gedichtsammlungen bis zu Fachbüchern, alles speichern und darstellen kann. Kindle heißt das Gerät, übersetzt bedeutet das »anzünden, inspirieren, entflammen« – und genau darum geht es Bezos. Er will die Welt für eine neue Art des Lesens entflammen, sie für elektronische Bücher begeistern. Und diese Begeisterung soll sich wie ein Lauffeuer verbreiten.

Vor allem aber soll sie ein Kulturgut verschwinden lassen, das seit Jahrhunderten unseren Alltag prägt. Das Ende des gedruckten Buches soll eingeläutet werden.

Vom Physischen zum Digitalen heißt eine Veranstaltung von Amazon auf der gerade eröffneten Frankfurter Buchmesse, und konsequenterweise will Bezos nicht persönlich erscheinen. Die nötige Aufmerksamkeit ist seinem Unternehmen ohnehin gewiss, der kleine Kindle ist das große Thema. In den heiligen Hallen des Literaturbetriebs herrschen Furcht und Unsicherheit vor dem, was passiert, wenn eines der ältesten Kulturgüter der Menschheit im Zeitalter des Digitalen ankommt: Verliert das Buch seine Seele, wenn es seinen Körper verliert? An Schreckensszenarien herrscht kein Mangel: leere Bücherregale in den Wohnzimmern. Tanten rätseln, was sie ihren Nichten und Neffen zum Geburtstag schenken sollen. Verlage, Autoren und Buchhändler haben keine Ahnung, auf welche Weise sie künftig ihr Geld verdienen sollen.

Oder? Die Chancen stehen nicht schlecht, dass Amazon einen ähnlich epochalen Wandel einleitet wie einst Johannes Gutenberg mit seiner Druckerpresse. Freilich könnte dieser Wandel auch ganz anders ausgehen als befürchtet. »Revolutionäres Potenzial« habe das elektronische Buch, schreibt die Technologieberatung Gartner – und meint das ausdrücklich hoffnungsfroh.

Als Amazon den Kindle im vergangenen Jahr in den USA auf den Markt brachte, war er schnell vergriffen. Vielleicht führt die Begeisterung also zu einer Neuentdeckung des Lesens. Gut möglich, dass Geräte wie der Kindle eine Generation für Poesie und Romane einnehmen, die vor allem vor Bildschirmen aufgewachsen ist. Und vielleicht können sie ja auch die schier unüberwindbare Kluft zwischen herkömmlichen und digitalen Medien auflösen.

Schon heute vereint der Kindle beide Welten: Seine Besitzer können sich aus einer riesigen Internetbibliothek mit Büchern, Zeitungen und Magazinen bedienen. Diese Bibliothek ist stets auf dem neusten Stand. Sie lässt sich wie eine Festplatte durchsuchen. In ihr ist nie ein Buch »vergriffen«. Und dennoch können Leser ihre Lektüre fernab von surrenden Computerlüftern und flackernden Bildschirmen genießen, auf dem Sofa, am Strand oder im Zugabteil.