Überraschend war es schon, dass sich der Vater der Nation über eine türkische Alltagssituation dermaßen ärgern konnte. Mustafa Kemal Atatürk hatte auf einer Inspektionsreise in die Provinz 1925 Frauen mit Kopftuch getroffen, die in Anwesenheit von Männern starr auf den Boden blickten. "Darf die Mutter, die Tochter einer zivilisierten Nation sich in eine solch barbarische Haltung begeben?", wütete er vor Parteigenossen und schloss: "Man muss dies unverzüglich korrigieren." Fortan war die klassische Kopfbedeckung anatolischer Frauen in Amtsstuben verpönt. In manchen türkischen Provinzen wurde der Gesichtsschleier sogar grundsätzlich verboten. Ein neues Frauenbild verbreitete sich in der Türkei. Haare durften sichtbar, Ärmel und Röcke kürzer sein. Das Land wurde umgekrempelt.

Noch heute entzündet sich der Streit um die Zukunft der Türkei an der Kleiderfrage. Das Gezerre ums Kopftuch und die damit verbundene Machtfrage hat das Land in diesem Jahr an den Rand einer Staatskrise geführt. Viele Widersprüche der Türkei gehen zurück in die Gründungszeit der Republik Anfang der zwanziger Jahre. Deshalb ist eine Biografie über den Staatsgründer Mustafa Kemal Geschichtsbuch und Handbuch zum Verständnis der heutigen Türkei zugleich. Klaus Kreiser ist es in einem glänzenden Buch gelungen, den legendären General und Politiker zu porträtieren und mit seinen vielen Gesichtern zu beschreiben. Mustafa Kemal war der Retter der türkischen Staatlichkeit und der Bestatter des osmanischen Erbes, der kühne Modernisierer und brachiale Kämpfer gegen die Tradition, ein Mann, der sein Land von fremden Mächten befreit und ihm mit seinem Erbe manche Fessel auferlegt hat.

Der türkische Übervater gehört in die Reihe der außergewöhnlichen Offiziere Europas, die eine nationalstaatliche Vision für ihr Land entwickelt haben. Frankreich, das Land Bonapartes und später de Gaulles, war ihm besonders nah. Kemal las französisch, er bildete sich französisch, er korrespondierte auf Französisch. Kreiser zitiert ausführlich aus seinen Briefen. "Ich habe sehr große Ambitionen", schrieb er 1914 einer Brieffreundin, und "suche ihre Verwirklichung im Erfolg einer großen Idee".

In den Dörfern unterrichtete der Präsident selbst die lateinische Schrift

Doch zunächst zeigt Kreiser, wie sich Kemal auf den Schlachtfeldern des Ersten Weltkrieges und der frühen zwanziger Jahre bewährte. In den Stellungskriegen auf der Halbinsel Gallipoli gegen Briten und Australier machte er sich einen Ruf als furchtloser Heerführer, der sich und seine Soldaten nicht schonte. Sein Regiment war aufgerieben, aber der Feind in die Flucht geschlagen. Nach der Landung der griechischen Armee in Izmir 1919 organisierte Kemal unter schwierigsten Verhältnissen den Aufbau einer türkischen Armee. Nach Jahren gelang es den Türken, die griechischen Soldaten zurückzudrängen und 1922 östlich von Smyrna/Izmir vernichtend zu schlagen. Beim Sturm wurden die anatolischen Griechen, die seit alters in der Stadt wohnten, ins Meer getrieben. Was sie in Smyrna zurückließen, verbrannte.

Aus den Ruinen bahnte Mustafa Kemal den Weg zur Gründung eines türkischen Nationalstaates. Die Friedenskonferenz von Lausanne 1923 bekräftigte die türkische Rückgewinnung des anatolischen Kernlandes. Doch zwang sie auch per Vertrag rund 1,35 Millionen Griechen und 434000 Muslime zum Verlassen ihrer alten Heimat. Kreiser beschreibt eindringlich die verhängnisvolle Logik des Nationalstaates für Minderheiten und Anderssprachige.

Mustafa Kemal hatte seinen Unterhändlern im Ringen mit den Westmächten strikte Anweisungen gegeben. Die lehnten eine "armenische Heimstatt" ebenso ab wie jede Art von armenischer Autonomie im Osten der Türkei. Über die Vernichtung der anatolischen Armenier 1915, wie Kreiser betont, verlor auch Mustafa Kemal kein Wort. Anders als der osmanische Vielvölkerstaat habe die Türkei nur noch zwischen Muslimen und Nichtmuslimen unterschieden. Die Millionen von Kurden hätten damit das Recht gehabt, Türken zu werden, ihre ethnische Andersartigkeit indes sei ignoriert worden. Es dauerte keine zwei Jahre, bis sich die Unzufriedenheit in blutigen kurdischen Aufständen in Südostanatolien entlud. Mustafa Kemal entsandte die türkische Armee, die Stämme niederzuschlagen. Kreiser streicht heraus, dass Ankara die Rebellion als "religiösen rückständigen Aufstand" diffamierte. Ein "kurdisches Problem" sollte nicht existieren. So sehen es heute noch viele Kemalisten und türkische Nationalisten.