Ich bin gut befreundet mit meinen Tagträumen. Sie haben einen größeren Einfluss auf mich als meine Nachtträume. Tagträume versüßen mir das Leben. Da erlaube ich mir absurdeste Kombinationen und Zwiegespräche mit mir selbst. Dabei ist das eine oder andere wichtige Lied herausgekommen.

Ich weiß noch genau, wie die Zeile "Lies mir vom Munde ab, mein Freund" entstanden ist. Die war zuerst visuell da. Das ist eine Zeile, die ich aus der Luft gegriffen und mir zusammengeträumt habe. Da habe ich in einem Tagtraum wirklich ein Paar Lippen vor mir gesehen. Vorher hatte ich ein Video von einem Künstler angeschaut, der aus einem Mund Papierrollen kommen ließ, mit ewig langen Texten drauf. Dieses Bild hatte mich gekriegt, und da habe ich weitergesponnen.

Tagsüber kann ich selbst lenken, nachts habe ich das Gefühl, gelenkt zu werden. Ich finde die Idee okay, dass es etwas gibt, das größer ist als ich und das ich nicht kontrollieren kann. Das ist nur realistisch. Wer einmal am Meer gestanden hat, weiß, dass es ein Teil unseres Lebens ist, manche Dinge nicht im Griff zu haben. Und so überlasse ich die Nachttraumwelt ihrer Bestimmung.

Ich hatte früher viele Fall- und Flugträume. Ich glaube, ich bin darin auch schon geflogen und nicht abgestürzt. Es ist wichtig, sich dieser unbewussten Welt zu überlassen. Das Unterbewusstsein muss sich sortieren. Das muss man zulassen, damit es einem tagsüber hilft, Entscheidungen zu treffen. Sei nachts einfach nur unbewusst, sei Traum. Das ist eine wichtige Lektion für mich.

Ich habe immer das Bestreben, das Beste aus allem herauszuholen, aus einem Menschen, einem Moment, einer Zeile. Ich glaube, es ist wichtig für mich, zu lernen, dass es auch richtig sein kann, wie ein anderer die Dinge angeht. Dass es sein kann, dass ich noch nicht so weit bin. Ich presche manchmal so weit vor, dass es für andere Menschen schwierig wird, auf mich zuzukommen. Als Sportler wird man nicht irgendwann die 100 Meter in null Sekunden laufen. Geht ja nicht. So ungefähr ist die Jagd nach Perfektion. Ich möchte lernen, anderen Raum zu geben.

Wenn ich träume, erlaube ich mir jede Sichtweise, widerspreche mir selbst und teste mich. Ich bin meine strengste Jury. Und gebe mir doch am meisten Freiraum. Es ist so oft wichtig zu funktionieren, dass man es sich auch mal leisten muss, nicht zu funktionieren. Dafür sind Träume gut. Der Tagtraum probiert Meinungen aus. Er probiert, wie sich die Realität vielleicht entwickeln könnte. Funktionieren können wir alle so gut. Aber auf freie Zeit, Spiel, Müßiggang mal genauso viel Konzentration zu verwenden und sich darin zu entwickeln – das ist eine Kunst, in der wir alle noch Übung gebrauchen können.

Aufgezeichnet von Ralph Geisenhanslüke

Mieze Katz, geboren 1979 in Berlin-Pankow, ist Sängerin der Band Mia, die sich 1997 als Schülerband gründete. Ihren bürgerlichen Namen verrät sie nicht. Gerade erschien das Album "Willkommen im Club"

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