Glück hatten wir, dass es zur großen Wende in Europa, zu 1989, gekommen ist. Implodiert sei die Sowjetunion am Ende. Und dass es zu Michail Gorbatschow kam, wer konnte das schon voraussehen? Im letzten Gespräch mit Peter Bender zu Hause im Grunewald, das ich mit ihm führte, ging es um die Frage, um die sein Denken mit viel Subtilität, Witz und Lust meistens kreiste: Ost und West, Polen zumal, was zur deutschen Einheit und zum Ende des Kalten Krieges geführt habe und was ein emanzipiertes, aber Amerika nicht unterschätzendes Europa wollen soll. Peter Bender war Journalist, konzentriert auf die zentralen Fragen, nach Startjahren beim SFB beim WDR, bei dem er blieb. Ihm hörte man sofort zu als Newcomer im Metier, man musste das, es war eine ganz eigene Stimme. Carola Stern, eine seiner engen publizistischen Weggefährtinnen, brachte das Eigene einmal auf den Punkt, Bender habe "Antworten" gesucht, "er wollte mehr als wir".

"Antworten" suchte er auf die deutsche und europäische Teilung, auf das Schisma zwischen Ost und West, und zwar früher als andere – oder zumindest freier. Freier sogar als sein engster Schulfreund aus Berliner Zeiten, Egon Bahr, der immerhin 1961 das Wort vom "Wandel durch Annäherung" in die Welt gesetzt hatte. Anders als Bahr blieb Bender ja ganz Journalist. Offensive Entspannung nannte er sein programmatisches Buch, das er bereits 1964 schrieb. Man blättert darin und staunt: "Kalter Krieg von seiten des Westens arbeitet denen in die Hände, die ihren reaktionären Kurs mit dem Hinweis auf die angebliche Gefahr aus dem Westen zu rechtfertigen suchen…" Früh veröffentlichte er ein Buch über Das Ende des ideologischen Zeitalters, 1981.

Journalismus war für Peter Bender auch ein permanenter Diskurs über das Wohin, eine Orientierungsaufgabe – und dazu brauchte es eine Plattform. Neben seinem Sender wurde es seit den siebziger Jahren gerade die ZEIT, die sich ihm dafür bot. Bis zuletzt hielt er fest an diesem klassischen Begriff "politischer Öffentlichkeit", anspruchsvoll, wie er war: Politik muss sich einem intellektuellen Prozess aussetzen, muss erarbeitet werden, gehört vielen. Aber – bescheiden muss Politik bleiben. Denn es gibt da noch "die Geschichte"! Wie fuhr er doch Hans-Ulrich Wehler in die Parade, dem Struktur-Geschichts-Schreiber, weil der den Anteil der Zivilgesellschaft in Ostdeutschland an "1989" erst jüngst derart vom Tisch wischte!

Mit Nachdenken, mit Nachdenkorten, fängt Politik an, und das bringt sie mit Journalismus zusammen, und so kam es beispielsweise zur Suche von Journalisten wie ihm oder Marion Gräfin Dönhoff und Rudolf Augstein nach Alternativen zur erstarrten Adenauer-Politik, "die versagt hatte, die Frage war schlicht, wie man einen schlimmen Zustand erträglicher machen könne". "Ohne 1969", fügte er hinzu, "hätte es 1989 nicht gegeben." Die Bundesrepublik hatte sich mit Adenauer und Brandt "vertrauensfähig" gemacht. Das war die Voraussetzung, "dass man überhaupt Politik machen konnte".

Polen hatte für ihn einen besonderen Stellenwert, nicht zufällig berichtete er zeitweise als Korrespondent aus Warschau. "Einer der größten Sargnägel für die Sowjetunion war das." Umgekehrt widersprach er jenen, die meinten, Polens Solidarność habe das Ostreich zum Einsturz gebracht, verantwortlich waren nun mal die Regierungen. Ihnen hielt er darum mit sehr viel Ernsthaftigkeit den Spiegel vor.

Bender schrieb den großen Umbruch in Europa der Entspannungspolitik gut, die er nicht gleichsetzte mit "Nachgiebigkeit". Die "Nachrüstung" im Westen hielt er jedenfalls nicht für die Ursache. Viel zu groß, erinnerte er sich, sei ihm Anfang der achtziger Jahre die reale Kriegsgefahr erschienen.

Geliebt hat Peter Bender die Paarungen, die Vergleiche. Zum eigenen Timbre trug bei, wie er das eine Deutschland mit dem anderen in Beziehung setzte (zuletzt: Deutschlands Wiederkehr. Eine ungeteilte Nachkriegsgeschichte, 2007), wie er den Osten mit dem Westen verglich, Polen mit Frankreich, das Imperium Amerika mit dem Römischen Reich, Europa mit den USA. Im Blick auf die jeweils andere Seite, auch und gerade auf Ostberlin oder die DDR, verriet sich ein Stück Anerkennung, eine unideologische Annäherung an die Wirklichkeit, und darin steckte ein wahrhaft subversives Moment, ohne dass er das je reklamierte. Undoktrinär und uneitel sprach er nur von einer Ermöglichungspolitik. 1989 ermöglichen! 85 Jahre wurde der Berliner Peter Bender alt.