Grünlilie, Laufmappe, Locher. Radiergummi, Aktenberg, Ablage – alles, was in das Klischeebild "Amtsstube" gehört, steckt in Stefan Naas’ Büro. "Ich bin kein Erbsenzähler", sagt Naas. Ansonsten sind ihm die Assoziationen, die geweckt werden, durchaus recht: Seriosität, Bedachtheit, Zuverlässigkeit.

Denn was Naas tut, hat mit der angeblichen Behäbigkeit in deutschen Amtsstuben wenig zu tun: Er und seine Kollegen vom Hessischen Finanzministerium, Referat Kredit- und Anlagenmanagement, sorgen dafür, dass Hessen flüssig bleibt. Sie nehmen Kredite auf. Denn Bund und Länder bezahlen ihre Ausgaben nicht nur aus Steuereinnahmen, sondern auch mithilfe von Darlehen, die dann vor allem durch Steuereinnahmen wieder beglichen werden. Beziehungsweise nicht – dann kommt es zur Nettoneuverschuldung.

Naas’ Aufgabe ist es, die Darlehen möglichst billig einzukaufen. Das ist zurzeit schwerer als sonst, weil die Banken ihr Geld nicht mehr so leicht verleihen. Wobei es die Länder immer noch leichter haben, gelten sie doch als zuverlässige Schuldner. "Aber der Markt ist im Moment nicht besonders rational", sagt Naas.

"Es geht um den Rabatt, den ich heraushandeln kann"

Er spricht mit vorsichtiger Stimme, aber unbefangen. Er trägt eine rot-weiß-blau gestreifte Krawatte, die mit den Manschettenknöpfen abgestimmt ist, und zum Lesen eine schwarze rechteckige Brille, die seinem jungen Gesicht einen seriösen Rahmen gibt.

Morgens hat er sich schon auf den beiden Bildschirmen im Büro den Swap-Satz angeschaut: Dieser beschreibt, zu welchem Zins sich Banken untereinander Geld leihen – und er hat maßgeblichen Einfluss darauf, wie hoch die Zinsen sind, die auch vom Land Hessen verlangt werden. Schon wieder ist der Swap-Satz um zwei Basispunkte gestiegen, also zwei hundertstel Prozent. "Wenn wir heute einen 125-Millionen-Euro-Kredit aufnehmen, bedeutet ein Basispunkt 12500 Euro Zinsen im Jahr. Das macht ohne Abzinsung bei 20 Jahren Laufzeit 250000 Euro Kosten für das Land." Zwischen 2 und 20 Jahre laufen die bis zu 500 Millionen Euro teuren Kredite, die er abschließen darf. Dabei gilt das Vieraugenprinzip: Wenn der Vertrag telefonisch zustande kommt, hört ein Kollege mit.

Wie viel Geld Naas und seine Kollegen insgesamt aufnehmen müssen, ergibt sich aus einer Kurve auf einem Blatt Papier, das Naas jetzt aus dem Ordner kramt. "Liquiditätsplanung 2008" steht darauf. Die Kurve zeigt die Geldmenge, die Hessen in diesem Jahr vermutlich benötigen wird. Tilgung, Zins, Steuerschätzung, laufende Ausgaben und Investitionen fließen darin ein. Fehlt Geld, geht Naas "tanken", wie er sagt, Geld besorgen.